für Levke: MANIFEST FÜR DEN FUSSBALL

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neuester Beitrag: 13.06.04 19:18
eröffnet am: 06.03.01 08:46 von: DarkKnight Anzahl Beiträge: 21
neuester Beitrag: 13.06.04 19:18 von: DarkKnight Leser gesamt: 774
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06.03.01 08:46
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33880 Postings, 7538 Tage DarkKnightfür Levke: MANIFEST FÜR DEN FUSSBALL

Der Fußballsport verdankt seine Existenz dem arbeitenden Volk.Bei den Besitzlosen und Entrechteten entstand er aus einem elementaren Grund. Er
ist billig, fast gratis. Viele Menschen können sich überall nur mit einem Ball vergnügen,und der kann sogar aus Papier und Lumpen bestehen.
Ja, die Armen haben dieses Spiel erfunden, sie gaben ihm
jene Wesensart, die wir jetzt zu verteidigen trachten, denn
in einer Gesellschaft, die den Nutzen zum höchsten Wert erhoben und eine Eigenschaft wie Würde diskret auf den zweiten Platz verbannt hat, droht der Fußball zu entarten. Die herrschenden Klassen haben das Leben entmensch-
licht, indem sie die Werteskala umgekehrt haben. Sie haben den Menschen zum Produktionsfaktor - in Maßen auch zum Konsumenten - ohne Sinn degradiert.
Des Wortes, der freien Rede beraubt, fand das einfache Volk in jenem kostenlosen Vergnügen eine Ausdrucksweise, einen Lebensinhalt. Die »Schlechtergestellten-, wie man sie schönfärberisch nennt, um die ihnen zugemutete Ausbeutung zu vertuschen, entdeckten sich ihren Fußball neu. In der Freude des Spiels fühlten sie sich frei, ihre schöpferischen Gaben zu entwickeln. Sie wurden ihres eigenen Talentes gewahr, konnten ihre lntelli- genz unter Beweis stellen und fanden so eine Identität. Durch Fußball wurden sie »jemand-. Spielend verkörperten sie auch eine Art des Fühlens, eine besondere Emotionalitit, die sie mit ihren Verwandten und Freunden derselben Klassenzugehörigkeit teilten.
Identität - das bedeutet die Möglichkeit von Stolz, von Würde. Für die Herrschenden ist der Arbeiter eine Nummer, ein Ding, das andere Dinge produziert, deren Bestimmung und Nutzen ihm fremd sind. Arbeiter denken nicht, das Denken erledigen die Mächtigen für sie. Arbeiter sind nicht schöpferisch, sie haben nicht teil am offiziellen Kulturbetrieb, sie sind Randfiguren, Ausgestoßene, die irgendwann ihren Status von »Untermenschen- als eine naturgegebene Tatsache hinnehmen, als eine Fügung des Schicksals. Sobald sie diese Rolle von Menschen minderer Qualität, die ihnen die herrschenden Klassen zuweisen, verinnerlicht haben, leben Arbeiter so, als hätten sie kein Anrecht mehr auf Stolz und Würde.
Fußball war ein gangbarer Weg, um sich selbst als Mensch zu bestätigen, allerdings ein Weg mit vielen Fallstricken, die von den herrschenden Schichten ausgelegt wurden. Beim Fußball konnte ein Arbeiter seine eigene Sprache sprechen, schlau und listig konnte er eine Absicht vortäuschen und eine andere durchsetzen - und all dies mit Freude, Ungezwungenheit,   Talent zur Schönheit und der Feinfühligkeit, um diese Schönheit zu genießen. Endlich konnte er sich für etwas Eigenes begeistern, für ein Fest, das immer kollektiven Charakter hatte, ohne die Zwänge der offiziell propagierten Kultur, ohne das Gift der Macht. Die Arbeiterklasse gab sich ihr eigenes Fest - und Fußball war natürlich nicht das einzige. Mit der ihr eigenen Großzügigkeit hielt sie allen anderen die Türen auf und lud sie zur Teilnahme ein.
Der Fußballsport gehört dem einfachen Volk, denn aus ihm ist er hervorgegangen. Er beinhaltet alle Werte der Arbeiterklasse, und diese Werte sind grundsätzlich anders als die in den sonstigen Gesellschaftsschichten vorherrschenden. Es sind Werte, die dem Menschen einen Ausweg bieten, die ihn anspornen, in Würde, Gerechtigkeit und Freude zu leben.
Seit nun der Fußball zu einem weiteren Konsumgut und - mit dem Heraufkommen des Industriezeitalters - zu einem kapitalistischen Produkt herabgewürdigt wurde, das man kaufen und verkaufen kann, werden jene ursprünglichen Werte gewaltsam verändert.
Dennoch weckt Fußball noch immer tiefverwurzeite Empfindungen, und wer sich diesem Spiel hingibt, tut dies mit derselben Phantasie und Begeisterung, die schon immer die Hauptakteure dieses festlichen Sportes auszeichnete. Dieser Einfallsreichtum und diese Begeisterungsfähigkeit werden am Ende die Eckpfeiler des Triumphes bilden.
.
Die Massenmedien reduzieren uns tagtäglich auf eine Lebensweise und auf eine Organisationsforrn unserer gesellschaftlichen Beziehungen, die
wir hinnehmen, ohne uns dessen gänzlich bewußt zu sein.
Der Fußball der "Rechten", wie ich nun nennen möchte,reproduziert und untermauert die in dieser Gesellschaft gültigen Wertvorstellungen. Es
ist die Art von Fußball, bei der nur der Gewinn zählt, und Gewinn heiligt alle Mittel. Gemeint sind nicht nur eine ultradefensive Taktik, Ausdruck von Raffgier und Spekulation, sondern auch die ständigen Verletzungen des
Reglements und der Einsatz aller  erdenklichen faulen Tricks. Solcher Fußball verleugnet seine eigenen Ursprünge, er verachtet die Begabung und fördert die Gewalttätigkeit. Er ist krank und macht krank, weil er wie alle
Konsumartikel dem Wesen nach hinfällig und vergänglich ist. Was gewinnt, ist gut, weil es sich gut verkauft. Diese Art von Fußball verhunzt ihre ei-
gene Identität, indem der dem Fußball seit seinen Anfängen eigentümliche Charakter eines Volksfestes verleugnet wird. Beim Fußball der Rechten
ist ständig von Arbeit und Opfern die Rede. Dabei wird geflissentlich übersehen, daß ein Begriff wie Arbeit nicht aus seinem historischen Kontext gelöst werden kann. Heutzutage bedeutet er nicht dasselbe wie beispielsweise vor fünfzig Jahren oder im Mittelalter. Und was die "Opfer" anbelangt - nun, dieses Wort führen die Kapitalisten dauernd gegenüber den Arbeitern im Munde, während sie selbst die Früchte der aufopfernden Arbeit an sich raffen.
Der Fußball der "Linken" hingegen ist im Sinne einer Lebensäußerung eine Sache des Talents, bei der die Intelligenz an oberster Stelle steht und der Sieg soviel taugt wie die Mittel, mit denen man ihn erringt. Er respektiert die Gefühle der Menschen, weil er zwar auch den Triumph kennt, jedoch keinesfalls auf Kosten des spektakulären Ereignisses, das jedes Fußballspiel zu sein verspricht.

Fußball, das sind, von den Gefühlen abgesehen, alle auf dem Weg der Evolution erlangten natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Niemals darf er der feigen Tücke der Spekulanten erliegen und wegen eines Punktes der Mittelmäßigkeit verfallen.

Der Fußball der Zukunft wird sich wieder auf die Lehren der großen Meister besinnen: Di Stefano, Pedernera, Suarez, Overath, Pele ... sie haben uns beigebracht was Begeisterung heißt. Und sie werden überdauern und in neuen Spielern weiterwirken. An ihnen kommt niemand vorbei: No pasaran.

(mit Anleihen von und eine Hommage für C. L. Menotti)

 

06.03.01 09:43

7149 Postings, 7677 Tage LevkeDanke DarkKnight

Siehst Du die Paraleelen zu den Aktien ?

Ich muß leider heute morgen ein bißchen Arbeiten; drucke mir den
Artikel aber als Abendlektüre aus.  

06.03.01 09:55

776 Postings, 7372 Tage graziani31@DarkKnight

Soweit ich das weiß, ist der Name doch L.C. Menotti!!   :-)

'Tschuldigung... Will nich' kleinlich sein...

Gruß graziani  

07.03.01 09:04

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnight0:3, Sieg über die Arroganz o.T.

04.05.01 14:26

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnightup: für alle, die immer noch meinen, daß der 1. FC

Bayern München etwas mit Fußball zu tun hat  

05.05.01 02:40

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnightBeschämend für dieses Board, daß C.L. Menotti

ignoriert wird, während Bärenbumser 2000 Hits bei ariva bekommt und bei WO untergeht ... mein Beitrag zum Niveau bei ariva, hehe  

05.05.01 02:47

66762 Postings, 7846 Tage Kicky@Dark Knight

Gute Nacht.Hast ja recht,Du schreibst sehr gute Beiträge,die hier eigentlich vergeudet sind.Ciao Kicky
P.S.:stimmt es,dass Gattamelata gefleckte Katze heisst?  

05.05.01 03:22

1664 Postings, 7716 Tage Tyler DurdanMann mann mann

Hey Darki,

es heißt nur "FC Bayern München". Der 1.FC ist in Köln zuhause (eine Abart davon in der Pfalz und bestimmt noch mehrere Mutanten sonstwo....)

Danke nochmal, daß Du mein Idol Overath explizit in der Reihe großer Fußballer nennst. Aber was zur Hölle haben Pedernera und Suarez mit Fußball zu tun ? Und komm mir jetzt nicht mit dem Militär-gewäsch !!! :-)

Weiterhin heißt es korrekt: Cesar Luis Menotti, also C.L. Menotti.

Und ja: Ich bin ein Fußball-Proll.

Grüsse,
Tyler Durdan  

06.05.01 17:17

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnight@Tyler: thankx nochmal für die Richtigstellung

von C. L., wollte nicht übermäßig altklug wirken und habe insofern auf ne Antwort verzichtet ... ich bin ein Antifa-Proll. und insofern konkret-, BayernKurier- und Transatlantik-Leser (letzteres bereits seit Jahren aus dem Verkehr gezogen mangels Interesse von 80 mio Deutschen an guter Recherche). Insofern kann ich Dir nicht beantworten, was CLM mit Pederna und Suarez wollte, kann mur mutmaßen

PS: Schwarzenbeck gehört auch dazu, habe ihn nur deshalb nicht erwähnt, weil er "schuld" ist an der zunehmenden Verbeckenbauerung dieses Sports ... ohne Schwarzenbeck wäre Franz B. heute dort, wo er hingehört: ständiger Besucher des Sozialamts  

06.05.01 17:27

4312 Postings, 7900 Tage Idefix1Der einzig wahre 1.FC

ist HEUTE endgültig aufgestiegen - Motto "Die Legende lebt"  -  Aktien mindestens bis morgen früh völlig unwichtig - Grüße an alle Anhänger der anderen 1.FC-Mutanten.  

06.05.01 17:48

7149 Postings, 7677 Tage LevkeFC St.Pauli wird hoffentlich folgen

gehe am Sonntag mit Hans Dampf zum letzten Heimspiel...

Sollte St. Pauli es tatsächlich schaffen, kaufe ich mir für nächstes
Jahr eine Dauerkarte.
Nichts ist besser, als 1. Liga - Fussball am Millerntor.
Glückwunsch - Idefix1
 

06.05.01 18:13

5 Postings, 7290 Tage The resuer@Levke, bin auch St. Pauli verrückt

Sind aber in Unterzahl gegenüber Bayern-Fans Oder?  

06.05.01 18:16

5 Postings, 7290 Tage The resuer@Levke, meine natürlich hier im Board o.T.

06.05.01 20:00

7149 Postings, 7677 Tage LevkeDas Andersdenkende - The resuer

ist wichtig.

Natürlich gibt es hier mehr Bayern-Fans, es gibt auch mehr
Rechte als Linke hier, natürlich auch mehr Comroadler als
Valor-Anhänger.
Und 99 % Windows-User.

Wenn Du mir jetzt noch erzählst, daß du Apple-User bist,
werde ich alle Deine Pushversuche und Statements unterstützen.  

06.05.01 20:07

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnightalso levke: Zusammenfassung

Es gibt einen genetischen Zwang zu:

1. FC Bayern, Rechts, ComRoad und Microsoft

oder

2. VFL Bochum, Links, Konkret und Commodore?

Oder?

hehe, bin Schwarzenbeck-Fan  

06.05.01 20:31

4312 Postings, 7900 Tage Idefix1Danke Levke

Die meisten Clubanhänger drücken eh Pauli alle Daumen und noch mehr - damit die "geliebten Westvorstädter" (für Nichtortskundige: Fürth) dort bleiben, wo sie hingehören - zweitklassig nämlich.

Nachdem sich diese aufmüpfigen fränkischen Nachzügler nicht mehr als Punktelieferanten für meinen "Club" hergeben, schließe ich mich also an: Pauli, Pauli,...  

20.05.01 21:14

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnightDAMNED BAYERN-FANS, IHR WERDET DAS

JETZT LESEN UND DANN WILL ICH EINE STELLUNGNAHME

oder ich krieche durch Eure Modems in die Schaltzentrale eurer Identität, was wohl nicht mehr als die Festplatte sein kann: fest am platt sein, hehehe  

10.06.02 22:12

6537 Postings, 7044 Tage Schnorrerup, und Kamerun soll gewinnen ....

König Fußball


Zur Zukunft des Spiels zwischen Freude und Kommerz


Fußballkunst begeistert Jung und Alt, Arm und Reich. Die Schattenseiten reichen von Menschenhandel bis Kommerz. Welche Zukunft hat das Spiel zwischen Straße und Markt?

Dieser Frage ging Studienleiter Jochen Wagner nach, der prominente Manager, Trainer und Spieler am ersten Maiwochenende zu einer Tagung an den Starnberger See eingeladen hatte. Nachfolgend sein Kommentar für die Frankfurter Rundschau:




Die zwei Körper des Königs


Der mit dem Ball tanzt

Selbst kugelrund lässt Maradona den Fußball noch tanzen. Lässig jongliert er den Ball, kickt ihn mit tramwandlerischem Gefühl aus der Luft hinterrücks mit der Hacke nach oben und saugt ihn löffelgleich wieder runter. Ein Hochgenuss für die Sinne, diese Versöhnung von Traum und Aktion, Ding und Augenblick. Diegos Ballzauber ist Glück pur. Unwillkürlich erinnere ich mich. In Neapel sehe ich auf Papas Schultern 1966 das WM-Endspiel England ? Deutschland; Bulle Roth schießt 1967 das Siegtor der Bayern gegen Glasgow im Europacup; 1968 fahre ich im Meister-Konvoi des Club mit, 1969 der Abstieg; 1970 schreit die Siedlung beim 3:2 gegen England und 3:4 gegen Italien (weil der Onkel Nicola in Neapel viermal pinkeln ging, fiel jedes Mal ein Tor); Ramba Zamba werden 1972 Kaiser Franz und Mähne Netzer Europameister, 1973 wechselt sich der Gladbacher selber zum Siegtor ins DFB-Pokalfinale gegen Köln ein; 1974: beten hilft, wir sind wieder Weltmeister. Magie? Geballte Torheit. Diegos rauschige Kunst dreht die Zeit retour. Bummbumm dröhnt der Ball, kaputte Tulpen, Gartenzäune, Fenster, Außenrist aufs scheppernde Garagentor, keifende Nachbarn, gerührte Zaungäste ? nochmal wie früher draußen spielen, heimlich üben, bis man Maradonas Tricks drauf hat. Swingt dazu das aktuelle Sportstudio, scheint die Welt in Ordnung.


Die Welt ist alles, was der Ball ist

Seit ich denken kann, bin ich glücklich mit Fußballspielen. Der erste Plastikball hauchte sein Leben in den Dornen aus. Eine Rose ist eine Rose. Wie verletzlich doch alles Sein ist. Aber der Flutlichtball, schwarz-weiß aus ledernen Fünfecken, hielt trotz täglichem Asphalt länger. Er verschied unter einem Lastwagen mit lautem Knall. Zu der Zeit setzte ich Vaters Unterschrift gleich selber auf die Anmeldung für den Verein. So sehr war Fußball das pralle Objekt der Begierde. Seither ist alles Schöne rund ? oder glänzend wie die Schuhe. Adidas Uwe mit blauer Noppensohle waren ein Traum. 1970 kam Pumas King Pelé dazu, aus Känguruhleder, leicht und mit ganz langer Zunge. Die Lederschlappe wippte vorne auf den Spann und adelt jetzt den Copa Mundial von adidas. Auf?m Photo sah man mit der Lupe, dass Overath beim Schnüren oben zwei Löcher ausließ, so hing die Lederschärpe noch länger raus. Das war einfach geil, cool, sprezzatura pur, lässig, elegant. Noch heute werden Grätscher oder Filigrantechniker am Schuh erkannt. In ihnen steckt auch der Fortschritt. Gut, Zinedine Zidane spielt mit Predator. Aber ich hab King und Copa lieber. Ein Tipp: mit Olivenöl bleiben sie ganz geschmeidig.


Homo ludens

Vor der Schule tauschten wir Fußballbildchen. Vier Höttges gegen einen Mazzola oder Garrincha. Die Alben waren profane Emblematiken voll Vereinswappen statt Markenlogos, die Fußballtrikots Siglen der Erwählung, der Mensch mehr als nur eine Nummer. Die Zahlen heiligen die Namen, sei?s die magische 1, des Vorstoppers 4, die kaiserliche 5, die begehrte 10 des Spielmachers, die 9 des Bombers. Spielt nicht um die Ziffern eine physiognomische Aura? Doch, die Leibchen sind ein ominöser vestimentärer Code. Zu den kleinen Mythen zählt auch der Tausch der Wimpel bei der Platzwahl und der Trikots am Schluss. Dazwischen regiert der Ball, zählen die Tore. Ja, gibt es außer Nylonstrümpfen schönere Netzwerke auf Erden als diese je nach Mentalität vielfältig geknüpften Maschen? So entwarf uns Fußballspielen ein Leben aus Freiheit, Lust, Spannung, Bewegung, Gefühlen und Visionen, aus Rivalität und Solidarität, klaren Grenzen und gültigen Regeln ? und: Platz, viel Fußball-Platz. Kein Zweifel: das Spiel kommt vor der Kultur und macht tierisch Spaß. Hier ist man noch ein animal rationale, ein vernunftbegabtes Tier. Mag die Intimität zum Ding verloren sein, seit der Mensch mit Werkzeug, Feuer, Sprache, Bild und Schrift in die Welt eingreift, im Spiel mit dem runden Artefakt spürt man den Touch zur Materie wieder. Worüber man so schwer sprechen kann, damit muss man spielen. Logo, die philosophische Idee zum Sprachspiel kommt vom Fußball. Er schafft wie die Sprache eine Welt. Sie ist Wille und Aufstellung, Instinkt und Drang. Aus der Tiefe des Raumes zelebriert der tödliche Steilpass in den Sechzehner die Kunst, das Runde ins Eckige zu bringen. Volley, Ecke direkt, Matthewtrick, Übersteiger, Lupfer ? hey, Rastelli. Elfmeter, Beinschuss, Auswechseln, Eigentor, rote Karte ? die Höchststrafen. Vom Kampf zum Spiel, kleben Glück und Pech am Fuß. Sprint, Schuss, Tor. Heute jubeln, morgen weinen. Souverän ist, wer das Spiel, den Ausnahmezustand entscheidet. Fußball fabriziert Ordnung und Sinn, verknüpft geistige und körperliche Arbeit, verteilt die Rollen nach den Stärken. Es geht ums Ganze, aber eben als schöne Nebensache. Es gibt welche, die können nicht verlieren, und welche, die können nicht gewinnen. Was für ein Theater. Hierin darfst du ein Anderer sein, dich in einen Doppelgänger verwandeln. Raus und Fußball spielen, was gibt?s Schöneres als diese wundersame Vermählung zwischen Leib und Ball, die den Menschen spielerisch ästhetisch erzieht. Des Poeten Glücksformel von der Versöhnung von Intellekt und Emotion, sinnlichem Stofftrieb und rationalem Formtrieb trifft voll: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."


Von Minute zu Minute pure
Improvisation

Alles Taktik? Die Passion lebt vom genialen Einfall statt vom alten Stiefel der besten Ordnung. Fußball ist legal anarchisch, ein antiidealistisches Manifest gegen Systemzwänge. Nix steht fest, alles kann passieren, genau darin übt sich die Übersicht des Regisseurs. Spiel dein Spiel! So schult Fußball unser Leben. Das Talent muss den inneren Schweinehund überwinden, arbeiten, aber bittschön mit Ball. Sich durchsetzen und zusammenhalten, fair kämpfen, siegen und verlieren, jubeln und leiden, der Kosmos des Menschlichen ist hier betörend sinnlich wirklich. Nebenbei lebst du klassenlos, multikulturell und ökumenisch. So begeistert Fußball Jung und Alt, Arm und Reich, auch als Ausnahmeweg aus den Slums in den Luxus. Vielleicht ist Fußball der letzte Apostel der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, weltweit und provinzial. Eine Weltreligion? Ein Kult, im Freien, unten am Boden, einer, der Freude macht. Spiritualität? Nix meditativ Innerliches, aber Begeisterung, leibhafte Geistesgegenwart, mit ganzer Seele, hebräisch nefesch, das heißt Begehren, bei der Sache sein. Fußballspielen begehrt nach Verausgabung, ist ein Potlatch zum bloßen Vergnügen.


Unerfüllter Traum lebt ewig

Die es nicht vorhatten, wurden irgendwie Profis, viele andere träumten davon und wurden?s nicht. Aber was früher die Straße war, muss heute organisiert werden. Eltern und Funktionäre wollen das Beste der Kleinen, aber ob sie es kriegen? Sie sprechen vom Sportkapital Kind, vom Produkt Spieler und der Ware Spiel. Der ökonomische Jargon simuliert eine andere Poetik des Fußballs als die ursprüngliche der Amateure, der Liebhaber. Poeiein heißt griechisch machen. Machen die Macher und Abzocker den Fußball vor lauter Geld kaputt? ViP-Loungen versus Fankurven. Der Topartikel Fußball wird regelrecht ran genommen, von Werbung, Quiz und Analysequatsch zerstückelt, zugemüllt, der Konsument zum letzten Dinosaurier. Wochenlang fieberten wir einst großen Spielen entgegen. Heute glotzt du dich an Fußball tot, killt die Überfülle den Appetit. Der Verbraucher, Vielfrass unter Ministerschutz, hat das animal rationale verdrängt. Wie den Hunger ernähren? Wieviel TV-Konsum braucht es, um wieder oder nie mehr selber zu spielen? Wieviel selber spielen braucht es, um gar nicht mehr oder wieder einmal interessiert zuzuschauen? Pay-per-view will nicht nur mein Geld, sondern das rarste Gut, meine Zeit. Leib, Libido, Aufmerksamkeit sind endlich. Geht?s raus und spielt?s Fußball ? das ist nicht das Ende der Theorie, da fängt sie heute an. Spiel selber! Pfeif auf die virtuelle, steril präparierte Antiwelt aus der Dose, aufs Gelebtwerden, lebe selber. Schade, peccato italienisch: Das rebellische Spiel der Arbeiter ist in 100 Jahren zum kapitalistischen Musterfall prostituierten Seins mutiert. Hie die Kids und Ehrenamtlichen, die nie ausbezahlte Milliarden verkörpern und dort die Millionäre, hochdotierte Verträge, Ablösesummen, Fernsehübertragungs- und Vermarktungsrechte. Das Spiel der Spiele havariert am Limit des Kommerz entlang. Der züchtet Superstars. Daher hat der DFB mit der emanzipatorischen Abkoppelung der Profiliga eine Feldmission aufgelegt. Wie die Kirchen setzt man auf Parochien: in 440 landesweiten Stützpunkten sollen 880 Trainer die unvordenklichen Rohdiamante sichten, die uns 2006 (merke: zur Bundestagswahl) zum Weltmeister machen. Dieweil schätzen wilde Späher den Erdkreis, wo des Fußballs Messiaskinder zur Welt kommen, Fremdenhass, Gewalt, Doping, Drogen, Menschenhandel und Schulden zum Trotz. Nach Cesar Luis Menotti stehe der linke Fußball für Würde und Gerechtigkeit, der rechte Fußball für Profitgier. Sie raube den Hungrigen das Brot, den Satten die Träume. Er wünsche, einmal eine Mannschaft zu sehen, deren Trikot statt eines Sponsors ein großes NEIN ziert. "Wir müssen immer gewinnen?" Nein, das erfreue kein Herz, mit so einer Mentalität möchte er nicht leben. Und wir? Beginnt für uns unterm Superlativ nicht schon das Nichts?


In echt

Im Bild sind die Idole unerreichbar nah, draußen sind sie "in echt". Wer Fußball liebt, tauscht nicht gegen Premiere, spielte lieber selber ? so Uli Hoeness. König Fußball hat zwei Körper, den öffentlichen, warenförmigen und den konkreten, den spielenden. "Wenn mir ein Arzt sagt: das Knie hält noch drei Jahre, dann lass ich Manager Manager sein und fang heut nacht um 12 zum Trainieren an und am Mittwoch sage ich zum Ottmar Hitzfeld, für 10 Minuten geht?s." Man muss ihn lieben. Fußball wandelt den Menschen. Kommerz kommt von commercium admirabile, jener wundersamen Verwandlung von Gott und Mensch. Fußball ist eine göttliche Mischung, eine wahre Schau, theoria, Spektakel und Aufklärung. Wenn Gott rund ist, ist Fußball ein kleiner Gott, ein moderner des Hasards. Ein Blick nach drüben, in die nächste Spielsekunde ist uns versagt wie ins messianische Happy End der Welt. Aufgeklärt sein heißt frei sein. Also muss der Glaube an Gottes Vorsehung weichen und den Spielplatz frei machen für allerlei profane Immanenztechniken. Ohne überweltliche Gerechtigkeit sind freilich Glück und Pech in der Moderne totalitär. Wenigstens im Fußballspiel ist von Spiel zu Spiel alles offen, können die Letzten die Ersten, die Ersten die Letzten sein. Denn welche Regie ließ in der 90. Minute Stuttgart 1:0 Schalke und Bayern 2:1 Kaiserslautern schlagen? 10 Sekunden entschieden über Himmel und Hölle. So ist Fußball ein Meisterdiskurs des Zufalls, philosophisch: der Kontingenz. Contingere heißt mit berühren. Fußball ist Kontakt mit der Welt, real wie Madrid. Du brauchst eine gesunde Härte. Wider die Agonie des Realen gibt es hier ein Ding an sich. Du besitzt es nie, aber kämpfe darum, liebe, hasse, streichle, schlenze, lupfe, trete, donnere, schiebe, knalle, passe, schneide den Ball an, gib ihm Effet. Es gibt ihn und er spricht. Nicht in der symbolischen Ordnung der Zeichen, aber in Intensitäten aus Lust, Freude, Schmerz und Trauer. Fußball ist Mimesis, Anschmieglichkeit an Form und Material, ist élan vital, was motion & emotion hat. Fußball, der Akt mit dem Ball ist schiere Ontologie. Die Welt ist alles, was der Ball ist. Es gibt richtiges Leben im Falschen. Gib mich die Kirsche Deutschland!


Wir träumen Paradies und handeln Fabrik

Sollte der Himmel leer sein, tröstet uns der Fußball. Die Vergänglichkeit betäuben wir in der Kommunion mit unvergesslichen Triumphen. In der jubelnden Akklamation leibhaftiger Spiegeldoubles auf dem Rasen lindern wir das unglückliche Selbstbewusstsein. Wir verschmelzen halluzinatorisch mit den Champions, bis wir, ja wir mit dem Lieblingsclub Meister werden. In der säkularen Eucharistie mit den Fußballgöttern haben wir Teil am unsterblichen Ruhm. Aber sind nicht alle Titel und alles Geld nur ein Schorf auf der Wunde, dass wir nicht perfekt und Sterbliche sind? Nach dem Rausch kommt der Kater, nach der Karriere das normale Leben. Opfer des brutalen Geschäfts sind prominente wie namenlose Abgestürzte und Invaliden. Ihr wundes Leben transzendiert Profit und Lustprinzip. König Fußball verkündet die unversehrte Leiblichkeit der anthropologia gloriae. Er erzählt aber auch die Geschichte vom verletzlichen Menschen, von Lug und Trug, Mobbing, Suff, Gosse und Ruin. Fußball ist ein modernes Kapitel der anthropologia crucis, der gescheiterten Materie. Winkt dem Sieger seit der Antike das Heil, so seufzt die Kreatur in der Niederlage. Zizou, la différence aus dem Ballungsgebiet Marseilles, kommt aus dem Dreck, mit nichts außer zwei Füßen aus Gold. Zizou ist ein Modell für Lebenskunst: die Kraft zum Glück und zur Verzweiflung ist die gleiche. Er verkauft sich gut. Zizou wie Diego, Pelé, Zico ist ein Personprodukt, eine Produktperson. Topspieler sind Doppelgeschöpfe, Vexierbilder zweier Naturen zugleich, von Mensch und Ware, Verkäufer und Verkauftes. Wird alles Sein Ware? Vielleicht müssen wir durch diesen Anthropomorphismus des Produkts und die Verdinglichung des Menschen hindurch. Bis wir am Karfreitag des Profits merken, dass sinnvolles Leben nix zum Machen und Verbrauchen ist. Fußball ist dafür eine Vision. Wer selber sein Spiel spielt, anstatt schablonisiertes Dasein gehorsam zu reproduzieren, der hat, gleich ob er siegt oder verliert, schon gewonnen. Football?s comin? home? Draußen führt Fußballspielen zum Advent des neuen Menschen, draußen, wo es Platz gibt fürs Abenteuer, adventura, sich zu wagen. Kids, reclaim the streets!

 

09.06.03 22:27

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnightup: Fußball ist Religion, und kein Geschäft

und deshalb werden demnächst viele Nationen sehr alt aussehen.  

10.09.03 17:21

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnightVorschlag zur Abschaffung des Fußballspiels:

So stelle ich mir die Hölle vor: In einem Zug zu sitzen, in dem eine Gruppe von Fußballfans einem Spiel entgegenfährt. Mit dieser Art, Leidenschaft zu äußern, können sich offenbar einige ausdrucksunfähige Menschen identifizieren, aber wenn das ewige Grölen an meine Ohren schwappt, der Bieratem mir die Luft nimmt und meine Aigner-Schuhe für 500 Euro vollgepinkelt werden, habe ich nur einen Wunsch: ich will den Bundestrainer eigenhändig erschlagen, und den Kanzler dazu.

Europa muß fußballfreie Zone werden. Oder, um auf Posting Nr. 1 zurückzukommen: ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Proletariat.

Solange mir Sportveranstaltungen die Möglichkeit geben, sie zu ignorieren, sind sie mir echt egal. Den Rummel um Fußball kann man aber nicht mehr ignorieren.

Ich kann jede Gier und jedes Verbrechen nachvollziehen, aber nicht die Hysterie in einem Stadion, wo 60.000 durchdrehen, wenn sie 44 fetten Schenkeln beim Hin- und Herlaufen zusehen.

Erstaunlich ist, daß immer der Fußball das Thema ist, das Intellektuelle und Parteiärsche, Proleten und Promis selig vereint. Das Gespräch über das Wetter hat ausgedient, über Sex redet man nicht in Furcht davor, etwas beweisen zu müssen, also bleibt nur der Fußball. Interesse für Fußball ist nicht mehr revolutionär, das ist entsetzlich politisch korrekt, oder wie ich das sehe: leutselig bis zum Erbrechen, wie ein Frühschoppen.

Dazu gehören auch die Bilder von absteigenden Clubs, die haben es mir angetan: gedemütigte Spieler schauen zu Boden, der Trainer rauft sich nicht mehr die Haare, er ist ganz still, die weinenden Fans klammern sich an die Absperrgitter mit ihren fassungslosen Gesichtern. Alles wird live übetragen und der Schmerz ist mit uns.

Die Schließung einer Werft, der Bankrott eines Konzerns, die Zerstörung Bagdads, all das weckt solche Emotionen nicht.

Fußball ist zur Ersatzreligion geworden, und er wird wie alle Religionen verschwinden. Irgendwann wird jeder einsehen, daß der Besuch von Fußballspielen oder Kirchen nur der verzichtbare Ersatz dafür ist, daß man unfähig ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Der wahre, ursprüngliche Fußball ist längst untergegangen, so wie die Trabbis. Den Rotkäppchensekt hat man noch in einer unschuldigeren Form gerettet, aber wo ist der Fußball an den Dorfrändern: an ungepflegten Plätzen, mitten in Pfützen? Am Sonntag trampelten immer zwei unvollständige Mannschaften herum, am Geländer lungern Mädels mit hochgesteckten Frisuren und die Rentner dürfen auch nicht fehlen. Wo ist der ehrliche Fußball geblieben?  

13.06.04 19:18

33880 Postings, 7538 Tage DarkKnightIch denke mal, der Sieg der Griechen

dürfte Posting Nr. 1 bestätigt haben.

Wird sicher noch spannend, dieses Jahr. Mal ausnahmsweise.  

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