Zerreiß mich, kopier mich

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95441 Postings, 7634 Tage Happy EndZerreiß mich, kopier mich

SPIEGEL ONLINE - 13. April 2006, 12:17
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http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,411147,00.html

Web 2.0
 
Zerreiß mich, kopier mich

Von Christian Stöcker

Revolution im Web: Der Schaukasten wird zum Baukasten. Flickr und Youtube waren nur der Anfang. Nachrichten, Musik, Bilder, Videos - alles taugt zum Remix. Werkzeuge gibt's online. Willkommen im Zeitalter der "MashUps!"

William S. Burroughs wäre begeistert, Inhaber von Urheberrechten dagegen werden entsetzt sein. "Jede erzählende Passage", schrieb der Erfinder der "Cutups" einst, "oder jede Passage, sagen wir, poetischer Bilder, kann beliebig oft variiert werden, und alle Variationen können in sich interessant und gültig sein." In der Praxis nahm Burroughs eine Schere, zerschnitt Seiten mit Text und setzte sie neu zusammen. Borroughs erfand, gemeinsam mit seinem Freund Brion Gysin, gewissermaßen den literarischen Remix. Abmahn-Anwälte gab es im Paris der späten Fünfziger vermutlich nicht.

Karte von New York mit Verkehrskameras: Polizeifunk optional zuschaltbar

"Mashup" nennen die Remixer von heute es, wenn etwa DJ Danger Mouse - auf rechtlich höchst zweifelhaftem Terrain - das "Black Album" von Jay-Z mit dem "White Album" der Beatles zu einem "Grey Album" vermischt (und damit einen Download-Hit erschafft). "Mashups" sind Urheberrechte mit Füßen tretende, anarchische, dekonstruktivistische Kunstwerke - und manchmal besser als das Original. Nirvana trifft Britney, Madonna meets Metallica.

Danger Mouse ist inzwischen kein von Klagen bedrohter Outlaw mehr, sondern der Produzent der "Gorillaz". Als Teil des Duos Gnarls Barkley schaffte er den ersten Nummer-Eins-Hit in Großbritannien, der nur per Download zustande kam. Mit "Crazy", einem Stück, dessen eigentümliche Rhythmik wieder an die "Mashup"-Ästhetik erinnert.

Alles ist Rohmaterial

Inzwischen hat sich der Begriff aber vom Rohmaterial Musik gelöst. Im neuen Mitmach-Web, in dem jeder für jeden Unterhaltung, Information, Meinung und Unsinn produzieren und präsentieren kann, ist "Mashup" das dominierende Prinzip. Blogger remixen Nachrichten, Hobbyfotografen mixen Fotos - zum Beispiel bei Flickr -, Hobbyprogrammierer remixen ganze Webseiten. Privates und professionell Erstelltes wird eins. Alles ist Rohmaterial.

Die erste Stufe der weltvernetzten Gesellschaft, in der jeder zum "Content Provider" wird, war die Ära der privaten Webseiten. Dann kamen die Blogs. Multimedia schwappte durch die Breitbandleitungen und plötzlich waren Bilder, Klänge und Videos selbstverständlicher Bestandteil des globalen Unterhaltungs-Informations-Mischmasch. Jetzt greifen die Vorausmarschierer unter den Netzbürgern hinein in diesen gigantischen Datenwust, greifen sich Schnipsel heraus und basteln Collagen.

YouTube ist von heute - spätestens seid dem grausigen "Sonnenlischt"-Song ist das Videoportal, eines von vielen, auch hierzulande allgemein bekannt - Jumpcut.com und Eyespot.com sind für morgen. Auf diesen Seiten kann man all das, was man mit der eigenen Videokamera produziert oder aber bei einer der zahllosen Videoschnipsel-Seiten findet, remixen. Neu schneiden, mit Musik oder einer anderen Tonspur hinterlegen, bei Jumpcut sogar mit vergleichsweise ausgefeilten Videoschnitt-Effekten bearbeiten - und das alles online. Die einzige Software, die man braucht, ist ein Browser mit den entsprechenden Plugins, schon hat man ein Do-it-yourself-Mtv.

Die Schere-und-Papierkleber-Freiheit von damals

Die so entstandenen Video-Mashups werden einer Gemeinschaft zur Verfügung gestellt, die sie kommentieren, weiterempfehlen - oder aber an sich nehmen und wieder neu abmischen, oder wiederum als Steinbruch für eigene Werke nutzen kann. "Alles bloß Daten" könnte das Motto dieser Emanzipationsbewegung lauten - es ist, als ob die Schere-und-Papierkleber-Freiheit der Schülerzeitungsproduktion von früher sich nun auf alles erstreckt, was da draußen an medialen Inhalten herumschwirrt. Ein globales Kunstprojekt - und ein Alptraum für all jene, die mit den Urheberrechten an diesen Inhalten Geld verdienen wollen.

Der nächste Schritt ist bereits getan - nicht nur Multimediales lässt sich neu abmischen, sondern auch die pure Information selbst. Webseiten-Mashups gelten als Paradebeispiel für das, was allerorten mit dem sehr dehnbaren Begriff "Web 2.0" belegt wird: Das demokratische Netz, an dem alle teilhaben und zu dem alle beitragen.

Bislang sind Seiten-Mashups am häufigsten Verknüpfungen der Daten verschiedener Informationsquellen, allen voran Google Maps: Es gibt Seiten, die Wikipedia-Einträge mit den passenden Orten auf einer interaktiven Karte verknüpfen oder Reisereportage-Seiten, die Texte und Fotos über den Globus verteilen und dabei die Leserschaft tippgebend an der weiteren Planung teilhaben lassen . Es gibt Mashups von MySpace-Nutzerprofilen und Flickr-Fotostrecken mit Karten der USA. Auf einem Stadtplan von New York kann man alle verfügbaren Verkehrs-Kameras anklicken und sich Livebilder ansehen (und dabei dem New Yorker Polizeifunk lauschen, wenn man das möchte).

Auch die "Washington Post" masht mit

Ebenso einfach wie Google Maps lassen sich RSS-Feeds remixen - die klickbaren Schlagzeilen von Blogs und Nachrichtenseiten sind einfach zu rearrangieren, lassen sich wiederum mit Ortsinformationen kombinieren, mit Bildern verknüpfen oder nach Stichworten in semantischen Punktwolken anordnen. Die "Washington Post" stellt ihre RSS-Feeds seit einiger Zeit ganz offiziell zum Remix zur Verfügung.

Auch die anderen Großen haben aber verstanden, dass die Netz-Masher ihnen am Ende nur nutzen können. Google, Amazon, eBay, Yahoo - alle stellen ihre "application programming interfaces" (APIs) Entwicklern zur Verfügung. Üblicherweise gibt es gewisse Hürden - Interessenten müssen sich offiziell als solche anmelden oder doch wenigstens einen Account bei dem entsprechenden Anbieter haben - dann aber kann man mit Google Maps spielen, das eBay-Interface verschlanken oder eine Blogsuchmaschine in seine Webseite integrieren. Wer nicht programmieren kann, für den gibt es für einfache Mashups sogar Online-Editoren.

"Es gibt keine Notwendigkeit, alles zu verwenden"

Die Anwendungen reichen von aufwendig mit vielen Zutaten personalisierten Privatseiten - mit abrufbarer Amazon-Wunschliste, RSS-Feeds von Weblogs aus dem Bekanntenkreis, Verknüpfungen mit Flickr-Fotostrecken und als interessant markierten Meldungen der Nachrichten-Community-Seite del.icio.us - bis hin zu komplexen Alternativ-Startseiten. Die kombinieren dann Feeds von verschiedensten Nachrichtenlieferanten mit ein paar YouTube-Videos, Flickr-Bildern - und der Möglichkeit für Leser, eigene Schlagzeilen samt Webadresse zu diesem breiten Datenstrom hinzuzufügen.

Für den Alltags-Netznutzer bedeutet all das zunächst - wie so oft - vor allem eins: Man kann noch mehr Zeit damit verbringen, sich da draußen umzutun, sich verblüffen, unterhalten, ärgern zu lassen von den Bemühungen all der anderen. Kann sich noch überforderter fühlen von der Unmenge an interessanten, mäßig interessanten, unterhaltsamen, völlig unwichtigen oder schlicht lästigen Nachrichten, Meinungsäußerungen und Kunststückchen.

William S. Burroughs hat das schon 1974 geahnt. Da sagte er in einem Interview über seine Cutups, die Methode liefere "neue Worte, Sätze, Passagen, Bedeutungen, von denen manche nützlich sein mögen und manche nicht. Es gibt keine Notwendigkeit, alles zu verwenden."

Kurzum: Wer zuviel Auswahl hat, hat am Ende überhaupt keine Auswahl mehr - und darin liegt dann auch wieder ein Stückchen Hoffnung für die alten Medien, die sich von der neuen Copy-und-Paste-Kultur bedroht fühlen.


Zum Thema im Internet:  
· Mashr: Musikalische Mashups satt
http://www.mashr.de/index.php
· API-Liste bei Programmableweb.com
http://programmableweb.com/apis
· Eyespot: Online-Videoschnitt
http://eyespot.com
· Jumpcut: Feinster Videoschnittplatz im Netz
http://jumpcut.com
· YouTube
http://www.youtube.com/
· Culture Bully: Musikalische Mashups
http://culturebully.blogspot.com/2005/12/...10-favorite-mash-ups.html
· diggshoutslash: Digg+Slashdot+Shoutwire
http://diggshoutslash.com/
· web2null: Deutsche Sammelseite für Mashups
http://www.web2null.de/category/mashup/
· Placeopedia: Google Maps+Wikipedia
http://www.placeopedia.com/
· "Worldtrip": Reisereportagen von SPIEGEL ONLINE
http://worldtrip.tv/themap/gmap.php
· Programmableweb.com: Web-Mashup-Anleitung
http://www.programmableweb.com/howto
· Wayfaring: Editor für Map-Mashups
http://www.wayfaring.com/
· Gumshoo: Ebay-Remix
http://www.gumshoo.com/
· Stadtplan von New York mit Verkehrskameras und anderem
http://local.alkemis.com/
· Del.icio.us: Nachrichtensammelseite mit Community-Features
http://del.icio.us/
· Popurls: Die andere Startseite
http://popurls.com/
· Adactio Elsewhere: Aufwendige Privatseite
http://elsewhere.adactio.com/
· Programmableweb: Eindrucksvolle Mashup-Liste
http://www.programmableweb.com/mashuplist

 

13.04.06 15:22

2683 Postings, 6645 Tage Müder Joeup: weil: selten so wichtige News gelesen.

Beim nächsten Gespräch für ein freiberufliches Engagement in einer 100-jährigen deutschen Traditionsfirma werde ich trefflich die Aussagen über Video-Mashups, RSS-Feeds und Remix Vorausmarschierer zu nutzen wissen.

Vielen Dank für diese Einführung in die Brave New World, die hoffentlich frühestens in 100 Jahren kommt.  

13.04.06 15:26
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16833 Postings, 7680 Tage chrismitzJoe, hast du auch

unten die Links alle durchgeschaut? Nicht dass dir was durch die Lappen gegangen ist u. du deshalb beim Gespräch nicht folgen kannst!

Gruß  

13.04.06 15:28
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Clubmitglied, 47345 Postings, 7752 Tage vega2000Ich nenn das Mut zur Schlampigkeit

Kreativ sein heißt sich jeden Tag neu zu erfinden & da auf dem Gebiet der Patentanmeldungen nur noch Friseusen & 1-Euro-Jobber fehlen, schmeißen die Orientierungslosen eben alles auf einen Haufen & behaupten einen neuen Trend erfunden zu haben.



 

13.04.06 15:46

2683 Postings, 6645 Tage Müder Joe@chrismitz: NEIN

wozu auch? nenne mir einen, einen einzigen vernünftigen Grund, dann mache ich das.

Bitte freundlicherweise.  

13.04.06 16:37

16833 Postings, 7680 Tage chrismitzFür dich

gibt es nie einen vernünftigen Grund! Da kann man sagen was man möchte,
du drehst es so, dass dir in den Kram paßt (siehe: http://www.ariva.de/board/253098 )!
Also laß ich es lieber! ;-)

Gruß  

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