Wohlstandsmüll ist "in"

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neuester Beitrag: 28.04.05 17:52
eröffnet am: 28.04.05 15:11 von: MD11 Anzahl Beiträge: 3
neuester Beitrag: 28.04.05 17:52 von: hasenhaarsch. Leser gesamt: 1026
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28.04.05 15:11

4020 Postings, 6623 Tage MD11Wohlstandsmüll ist "in"

RECYLING-DESIGN / Aus Alt mach Neu: Dosenverschlüsse werden zu Gürteln, Plastikplanen zu Taschen
Die Masche mit der Lasche



Auf dem Tisch funkelt es silbern, golden, grün und rot. Immer noch ein Modell holt Patricia Lantelme aus einem großen Pappkarton: Wahlweise exotisch oder festlich schimmernde Kreationen mit Streifen in Rot und Silber, einem roten Kreuz auf hellem Grund, einem kapitalen grünen B in goldgelber Umgebung: Das Taschenmodell ?Brazil? schimmert in den brasilianischen Nationalfarben. Es ist der Prototyp der kleinen Kollektion, mit der die 33-Jährige vor zwei Jahren den Trend- scouts aufgefallen ist.
Was da glitzert, erkennt der Betrachter erst auf den zweiten Blick: Dosenlaschen. Aneinander gehäkelt. 450 der Wegwerfverschlüsse ordnen sich zu einem breiten Hüftgürtel. 600 Blechstücke ergeben eine Umhängetasche. An der Copacabana gibt es Getränkedosen in allen Farben: Coladosen haben rote Laschen, Bierdosen grüne, Säfte sind mit Goldlaschen zu öffnen, Wasser trinkt man aus der silbernen Büchse. Die Brasilianer sind Weltmeister im Konsum von Drinks aus der Dose. ?Das ist cool und gehört zum Lebensgefühl. Jeder öffnet jederzeit und überall eine Dose und wirft sie anschließend weg?, erzählt die zierliche Patricia Lantelme beim Milchkaffee in ihrer Kölner Wohnung. Die Lust an der schnellen Erfrischung summiert sich in ihrer Heimat auf eine Milliarde Dosen jährlich. Immerhin 85 Prozent der Alubleche werden eingesammelt und wiederverwertet.

Not macht erfinderisch. Der Überdruss am Überfluss auch. Wo viel weggeworfen wird, entdecken kreative Menschen Neues, zum Beispiel Material für Taschen. Seit einigen Jahren wählen junge Designer alles, was der Wohlstandsmüll hergibt, und machen daraus Kultobjekte mit praktischem Nutzen: Seit die Brüder Markus und Daniel Freitag 1993 alte Lkw-Planen als wasserdichtes Material für ihre großen Umhängetaschen entdeckten, führen Tetrapacks, Plastiktüten, ausgediente Armee-decken, Segel und Luftmatratzen ein zweites Leben als Handtäschchen oder Reisesack.

Patricia Lantelme, die jüngste und schillerndste Erscheinung unter den Recyclingdesignern, kam in den Favelas, den Slums von Rio de Janeiro, auf die Idee für ihre Diplomarbeit an der Kölner Fachhochschule für Design. Sie traf Frauen, die alles verwerteten, was sie fanden, Meisterinnen der Improvisation in Sachen Mode: Die Laschen applizierten sie auf Pullis und Röcke, als billige Alternative zu teuren Pailletten. Dort begegnete sie Marilia, der ?Häkelkönigin der Slums?. Ihr Geschick inspirierte Lantelme, und sie ersann die Masche mit der Lasche, legte vor den Augen der Frau händeweise Aluminiumlaschen in Reih und Glied, bis sie die Form einer Tasche ergaben. Marilia nahm sie einzeln von Steinboden und knüpfte sie aneinander. Mit einem leichten Innenfutter versehen, entstand die erste Umhängetasche.

?Fushico?, portugiesisch für Tratsch und Patchwork, heißt das kleine Label, mit dem Lantelme, gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Heike Jungjohann, den Markt individuellen Designs erobern will. Per Internet vertreiben sie zu besten Zeiten 200 Taschen im Monat, geliefert von Marilia und 15 anderen Frauen, die für Fushico häkeln und knüpfen. Auf der Kölner Interjeans bekam das Label einen Messestand geschenkt und fand sich zwischen Lee und Wrangler wieder. Bei der internationalen Messe für Sportartikel und Sportmode in München gewann Fushico den ?Ispo Brand New Award?.

Was ihr Label auszeichnet? ?Fushico produziert ein beschwingtes Lebensgefühl, hinter dem lebendige Menschen stehen, mit Wünschen, Träumen und Ansprüchen?, sagt Lantelme und blättert ein kleines Spiralbuch auf. Zwischen den Deckeln, aus der festen gelben Pappe eines Postpakets geschnitten, zeigt sie Fotos: von Cristina, der Marathonläuferin, die sie in die nicht ungefährlichen Favelas führte, von Marilia, mit ihrem breiten Lachen und den flinken Fingern, von grinsenden Jungen vor ärmlichen Hütten. Das Label Fushico steht auch für soziales Engagement: Zehn Prozent der Einnahmen gehen an das Projekt ?Movimento Social Unidos pela Paz? für Kinder und Jugendliche in den Slums von Rio de Janeiro. Fushico zeigt, wie Mode gleichzeitig sozial, ökologisch und hip sein kann.

Zum Glück sind die Produkte viel attraktiver als der Name, unter dem sie laufen: Recyclingdesign, ein Begriff, der aus den achtziger Jahren stammt, als Öko vor allem die richtige Gesinnung meinte und Schick Verrat an der guten Tat war. Hinter dem hässlichen Wort stehen längst Produkte, die auf humorvolle Weise mit ihrer Vergangenheit kokettieren: Sind die Freitag-Taschen aus Lkw-Planen inzwischen in jedem Dorf angekommen, sorgt eine TüTa von Maren Krämer noch für Auf- sehen.

Wegschmeißen kommt der Bremerin nicht in die Tüte. Stattdessen kommt alles in den Beutel, was Mann oder Frau für den Stadtbummel oder die Zugfahrt brauchen. Die 33-Jährige fertigt Taschen aus Einkaufsplastiktüten. Geschickt wird da der gelbe ?Penny?-Schriftzug auf rotem Grund präsentiert, die Aldi-Farben baumeln von der Schulter, und doch braucht es einen zweiten Blick, um zu realisieren, was wir da sehen.

Denn selten ist das komplette Logo sichtbar, selten der ganze Schriftzug. Meist wählt Krämer den Ausschnitt ein bisschen anders und ein bisschen schräg. Bekannt und irritierend zugleich sind auch die Täschchen und Taschen von Michael Wuerges. Aus Tetra-Packs macht der Straubinger Tetra-Bags. Die leeren Getränkekartons schneidet er auf, vernietet sie, hüllt sie ein, und so spazieren Milch- und Eisteepacks an der Hand trendiger Zeitgenossen durch die City.

Sehr viel individueller sieht die Wiedergeburt der farbenprächtigen Luftmatratzen aus, auf denen wir früher beim Zelten nächtigten. Die nylonbeschichteten Stücke mit schrillen Seventies-Mustern aus Kreisen, Wellen und Blumen verarbeitet Uwe Malte Arndt zu Beuteln mit breitem Schultergurt. Und selbst der ist zu 100 Prozent recycelt: Alte Autogurte samt Verankerung, vom Schrottplatz gesammelt, tragen das so genannte Lumabag. Der Clou: Die Lumabags sind aufblasbar. So hat der mobile Zeitgenosse immer ein Kopfkissen dabei. Und wer das geliebte Schwimm- und Campingutensil seiner Jugendtage noch irgendwo im Keller findet, kann es an den Bremer Arndt schicken. Der ermöglicht die Reinkarnation als persönliche Umhängetasche.

Die Idee hinter dem zweiten Leben des Wohlstandsmülls liegt für Patricia Lantelme auf der Hand: Jedes Stück fängt einen kleinen Teil des großen Lebens ein. Wer hatte die Dosenlaschen in der Hand? Wer öffnete seine Dose plaudernd am Strand, durstig an der Tankstelle, gelangweilt auf der Straße hockend oder entspannt im Bett? ?Es gibt immer mehr Massenware, Duplikate von Marken, Kopien aus Hongkong. Unsere Produkte sind individuell und einzigartig.? Dabei streicht die Kreative mit der flachen Hand über ihren Küchentisch. Unter den glitzernden Fushico-Produkten kommt eine alte Holzplatte zum Vorschein ? voller bunter Farbkleckse. Für den einen sind es unschöne Flecken, für die Designerin bergen die Farbspuren Erinnerungen an kreative Malstunden als Studentin.

?Was Fushico macht, geht nur in Brasilien. Die Laschenmode kommt aus der Fremde, das macht ihren Reiz aus, und sie bleibt auch hier in Deutschland fremd. Es gibt nicht mehr viel, was in einer globalisierten Welt noch fremd ist.? Zum Glück für Fushico bleibt auch manche deutsche Idee eine lokale Erscheinung: Das Dosenpfand zum Beispiel ist den Brasilianern fremd.
 

28.04.05 17:18
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33905 Postings, 7553 Tage DarkKnightWann sehen wir dann endlich Norbert Blüm,

Helmut Kohl und die gesamte Ankündiger-Combo namens Rot-Grün auf dem Wohlstandsmüll?

Hoffentlich ist die Müllhalde im Osten, weil wir haben weder die einen noch die anderen hier im Westen gewählt.

Bitte fünf Schwarze für die Wahrheit.  

28.04.05 17:52

870 Postings, 7291 Tage hasenhaarschneider@darki

habe heute nur zwei zur verfügung-
drum lassichs
Gruß vom Hasenhaarschneider                                                                              
 

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