Werdet unwissend - und reich!

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eröffnet am: 01.05.05 11:56 von: Talisker Anzahl Beiträge: 3
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36845 Postings, 6440 Tage TaliskerWerdet unwissend - und reich!

Börse
Ein Lob der Unwissenheit
Von Hanno Beck

29. April 2005 Es gibt wohl keine Methode, mit der die Analysten der Banken und Experten der Vermögensverwaltungsgesellschaften nicht schon versucht hätten, Geld zu verdienen:

Fundamentalanalysen, ökonometrische Modelle, Chartanalysen, regelbasierte Ansätze - was immer der Werkzeugkasten des menschlichen Geistes bietet, wurde von der Branche genutzt.

Und doch behaupten Spötter immer noch, daß es diese Prognosen nur gebe, damit die Meteorologen bei Wettervorhersagen gut aussehen-trotz einer Vielzahl hervorragender, gut ausgebildeter Mitarbeiter. Aber vielleicht ist es gerade diese Ausbildung und Professionalität, über welche die professionellen Auguren stolpern.

Heuristik schlägt den Aktienmarkt

Zu dieser Einschätzung könnte man zumindest kommen, wenn man sich anschaut, wie man beim Max-Planck-Institut für Bildungsforschung den Aktienmarkt geschlagen hat: "Unwissen kann eine Tugend sein", postulieren die Wissenschaftler des Instituts. Sie haben den Aktienmarkt mit einer sogenannten Heuristik geschlagen.

Das griechische Wort "Heuriskein", aus dem sich "Heuristik" ableitet, bedeutet soviel wie "finden". Eine Heuristik ist eine Methode, komplexe Probleme, die sich nicht vollständig lösen lassen, mit Hilfe einfacher Regeln und unter Zuhilfenahme nur weniger Informationen zu lösen.

Portfolios aus Aktien mit hohem Bekannheitsgrad

Für die Zusammenstellung eines Aktienportfolios wendeten die Max-Planck-Wissenschaftler die sogenannte Erkennungsheuristik an: Sie stellten Portfolios aus jenen Werten zusammen, welche einen hohen Bekanntheitsgrad hatten.

Die dazu nötige Versuchsanordnung war recht einfach: Man legte sowohl Experten als auch Laien, in diesem Fall zufällig ausgewählten Fußgängern sowohl aus Chicago als auch aus München, eine Liste mit an der Börse gelisteten Aktiengesellschaften vor.

Aus dieser Liste mußten die Befragten jene Unternehmen nennen, die ihnen bekannt waren - aus diesen bekannten Werten wurden die Portfolios zusammengestellt und dann getrennt nach Gruppen-deutsche und amerikanische Laien, deutsche und amerikanische Profis - ausgewertet. Und das Ergebnis spricht für die Heuristik.

Selbst Laien liegen über dem Index

Verglichen wurden die Portfolios mit den jeweiligen Marktindizes, rein zufällig zusammengestellten Portfolios und mit Investmentfonds. Das Ergebnis: Je weniger Wissen, desto besser die Rendite.

So brachte die Heuristik für die deutschen Laien und Profis, die auf deutsche Aktien setzten, die höchste Rendite innerhalb ihrer Gruppe; ein Profi (oder auch ein Amateur) konnte den Index einfach dadurch schlagen, indem er einfach die ihm bekanntesten Aktien auswählte.

Börsenkenntniss der Amerikaner höher

Bei den amerikanischen Investoren funktionierte die Heuristik auch, wenngleich nicht ganz so gut. Dies ließe sich allerdings durch die hohen Aktienmarkt-Kenntnisse der Amerikaner erklären; dieser Verdacht kommt einem zumindest, wenn man sich die internationalen Portfolios der Teilnehmer ansieht:

Wer als Deutscher in Amerika oder als Amerikaner in Deutschland investieren will, konnte keine bessere Strategie fahren, als einfach die Unternehmen zu kaufen, die er kennt. Der Grund dafür könnte wohl im Wesen der Erkennungsheuristik liegen: Wer als Amerikaner in Deutschland oder als Deutscher in Amerika investiert, weiß noch weniger über den dortigen Aktienmarkt - und hat damit noch bessere Chancen, diese Heuristik auszunutzen.

Weniger Wissen - Mehr Gewinn

"Wir haben dieses Experiment noch zweimal im Rahmen von Börsenspielen wiederholt und sind immer wieder zu dem gleichen Ergebnis gekommen: Je weniger man vom Aktienmarkt wußte, um so besser entwickelte sich das Portfolio", sagt Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Aber wie kann so etwas passieren? Ein Beispiel macht den Mechanismus dieser Heuristik deutlich: Fragt man Deutsche und Amerikaner, welche der beiden Städte - San Antonio und San Diego - die höhere Einwohnerzahl hat, dann geben im Gegensatz zu den Amerikanern fast alle Deutschen die richtige Antwort.

"Während die Amerikaner zuviel über beide Städte wissen und aufgrund ihres hohen Wissensstandes Gefahr laufen, falsch zu antworten, wenden die Deutschen die Erkennungsheuristik an: Sie kennen nur den Namen San Diego und schließen daraus, daß dies die größere Stadt sein muß", erläutert Gigerenzer.

Ähnlich verhält es sich mit den Aktien: "Wenn man vermutet, daß es einen Zusammenhang zwischen Marktanteil, Bekanntheitsgrad und Wert der Aktie gibt, dann macht diese Heuristik Sinn: Sie führt dazu, daß man die Unternehmen mit der besten Marke, dem größten Marktanteil auswählt", sagt Gigerenzer.

Ahnungslose Investoren haben weniger Auswahl

Womit natürlich eine Schwachstelle dieser Heuristik klarwird: In den vergangenen Jahren haben unbekannte Nebenwerte die beste Rendite erbracht, da wäre man mit dieser Heuristik aufgelaufen. "Sie reduzieren durch diese Strategie Ihr Anlageuniversum unnötig", kritisiert denn auch Andreas Sauer von Union Panagora die Idee des ahnungslosen Investors.

Der sogenannte home bias, den man bei Anlegern beobachten kann, ist letztlich auch eine ähnliche Heuristik: So kaufen Anleger vor allem Aktien von inländischen Unternehmen, weil diese ihnen vertraut sind - was nicht immer der Wertentwicklung hilfreich ist. "Bleibe im Lande, und nähre dich kläglich", bespotteten Wissenschaftler der Universität Mannheim dieses Phänomen.

Natürlich weiß auch Gigerenzer um die Probleme seiner Methode. Man müsse seine Heuristiken auch stets an die entsprechende Umgebung anpassen: "Eine Heuristik ist nur dann sinnvoll, wenn sie das bestehende Umfeld berücksichtigt und nutzt", erklärt er.

Er jedenfalls ist mit den Forschungsergebnissen hoch zufrieden, hat er doch in seine Musterportfolios auch investiert und weiß um den Segen der Wissenschaft: "Ich habe noch nie so viel Geld mit einem Experiment gemacht."


Text: F.A.Z., 30.04.2005, Nr. 100 / Seite 23
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb  

01.05.05 12:28

21880 Postings, 6999 Tage utscheckhmm...

also ich denke, DC und TKom sind die bekanntesten dt. Unternehmen. Wenn ich mir die Wertentwicklung der letzten Jahre anschaue, kann ich dieses Ergebnis nicht so recht nachvollziehen.

Der Teufel steck wohl wie immer im Detail.
utscheck  

01.05.05 23:11

3516 Postings, 7685 Tage baanbruchAlso DC(X) kannste schon mal vergessen !


Die kennen nur "Eingeweihte" wie wir hier.
Normalos kennen "Mercedes", aber nicht Daimler-Chrysler.
VW ist da sicher bekannter.
Lufthansa kennt auch der ein oder andere ;-)
 

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