Weiß die EZB etwas, das wir nicht wissen?

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eröffnet am: 08.04.06 09:52 von: moya Anzahl Beiträge: 1
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1083233 Postings, 6523 Tage moyaWeiß die EZB etwas, das wir nicht wissen?

Weiß die EZB etwas, das wir nicht wissen?

von Jochen Steffens

Ich werde nun auch immer skeptischer. Gestern Abend, als ich die Aussagen von Trichet analysierte, kam mir nämlich eine seltsame Idee.

Doch zunächst die Grundlagen:

1. Die Rohstoffpreise steigen wieder, das wird in den USA die Inflation antreiben. Auf Inflation will die Fed, laut Ben Bernanke, mit steigenden Zinsen reagieren. Kurz: Steigende Rohstoffpreise erhöhen die Notwendigkeit die US-Zinsen anzuheben.

2. Die US-Konjunkturdaten verbessern sich wieder deutlich. Die Fed hat gesagt, dass sie weitere Zinserhebungen auch abhängig von der weiteren Konjunkturentwicklung machen will. Das erhöht also die Möglichkeit, den Spielraum, die Zinsen weiter anzuheben.

Auf der einen Seite eine Notwendigkeit, auf der anderen Seite der dazu passende Spielraum. Das könnte dazu führen, dass die Zinsen weiter als

5 % ansteigen. Sie wissen, ich habe immer als eine Voraussetzung für ein Aussetzen der Zinserhöhungen: nicht mehr weiter steigende Rohstoffpreise angegeben.

Natürlich kann die Fed theoretisch auch über den Umweg der Zinsen Einfluss auf die Rohstoffpreise nehmen. Wenn sie durch zu stark steigende Zinsen das US-Wirtschaftswachstum abschwächt, wird sich das auch belastend auf die Rohstoffpreise auswirken, da sich in Folge dessen die gesamte Weltwirtschaft abkühlen wird.

EZB mit seltsamen Signal - 2. Voraussetzung

Nicht nur mich hat gewundert, dass die EZB gestern keine Anstalten gemacht hat, Zinserhöhungen anzukündigen. Ich hatte gestern schon gefragt, ob das vielleicht mit der speziellen Situation in Deutschland zu tun hat. Gestern Abend kam mir dann noch ein weiterer möglicher Grund in den Sinn:

Hypothese

Nehmen wir an, die EZB wüsste oder ahnt, dass die Fed plant, die Leitzinsen in den USA noch "viel" weiter anzuheben. Auf 5,5 oder sogar höher. Das ist die Hypothese dieser Idee, eine rein fiktive - bisher!

Wenn die EZB davon ausgeht, dass die Fed die Zinsen weiter deutlich anhebt, dann würde sie sich ausmalen können, dass sich die US-Wirtschaft, wie auch von der Fed angekündigt, zum Ende des Jahres deutlich abschwächen kann. Der Schluss, dass sich das auch nachhaltig auf die Weltwirtschaft und damit auch auf die exportgetriebene europäische Wirtschaft dämpfend auswirken wird, liegt einfach nahe.

Wie würde dann die EZB reagieren?

Sie könnte nicht - wie eigentlich allgemein erwartet - bald die Zinsen weiter anheben, trotz der Ausweitung der Geldmenge, trotz der Inflationsgefahren, die auch hier in Europa durch steigende Rohstoffpreise natürlich wachsen. Denn dann würde sie Ende des Jahres in Bedrängnis kommen. Auch weil sich Zinserhöhungen um ca 6 Monate zeitversetzt auf eine Wirtschaft auswirken. Das würde also genau in den Winter hineinfallen, unpassender ginge es nicht.

Sie müsste dann im schlimmsten Fall im Winter vielleicht sogar, nachdem sie die Zinsen angehoben hätte, diese wieder senken, um ein nachhaltiges Abrutschen in eine Rezession zu verhindern. Das wiederum würden die Märkte zurecht als "unsicheres hin und her" oder als "äußerst bearishes Zeichen" werten. Ein Crash wäre dann nicht auszuschließen.

Wenn die EZB also davon ausgeht, dass es Ende des Jahres zu einer Abschwächung der Weltwirtschaft kommen würde, dann würde sie die Zinsen erst einmal niedrig halten, um weiterhin eine die Wirtschaft stützende Geldpolitik zu betreiben. Sie müsste alles versuchen, die Zinserhöhungen möglichst weit nach hinten zu verschieben, um auch im Fall einer Abschwächung der Weltwirtschaft eine weiterhin stützende Geldmarktpolitik zu betreiben, ohne in Aktionszwang zu geraten.

Das könnte der Grund gewesen sein, warum die EZB doch so recht deutlich eine weitere Zinserhöhung im Mai angezweifelt hat. So würde dann alles zusammenpassen. Ich mag es, wenn alles zusammenpasst, das war leider in den letzten Wochen des neuen Jahres bisher nicht der Fall.

Wie reagieren die Märkte?

Nun heißt das nicht, dass die Märkte darauf sofort mit einem Crash reagieren. Noch, und da besteht kein Zweifel, noch sind wir im Dax in einem eindeutigen Bullenmodus, wie ich nicht müde werde, zu betonen.

Immer neues Hochs sind kein Anlass in Panik zu verfallen. Auch der Einbruch aktuell nicht. Der Trend bleibt weiterhin unser Freund. Aber genauso wächst das Potenzial für einen größere Konsolidierung.

Ich habe meine Kunden gestern gegen Abend empfohlen, ein Dax Long Zertifikat, dass ich genau am Morgen des 09.03.06 nach dem letzten Tief des Dax bei 5664 (08.03.06) zum Kauf empfohlen hatte, wieder zu verkaufen. Einfach mal Gewinne mitnehmen. Noch ist das Target-Trader Depot insgesamt deutlich Long ausgerichtet, aber man kann sich ja der Situation etwas anpassen und einzelne Positionen verkaufen. Gerade sehe ich, dass der Dax 90 Punkte (!) in einem Rutsch abgegeben hat.

Soweit war es offenbar ein sehr guter Ausstieg. Sollte der S&P500 doch noch die 1310 Punkte schaffen, kann man schließlich wieder einsteigen.

Gute Konjunkturdaten = schlechte Kurse

Je nach dem, wie sich die US-Konjunkturdaten weiter entwickeln und wie die FED in der nächsten Zeit reagiert, welche Äußerungen von den Fed Mitgliedern zu hören sind, könnte das die Märkte doch mehr belasten.

Wir bleiben also weiter bullish, müssen aber noch genauer auf das achten, was in den USA passiert. Im Moment bleibt die 1310 Punkte Marke im S&P die alles entscheidende Markt. Gestern und heute ist der S&P500 wieder eingebrochen, nachdem er sie kurz überwunden hat. Einer der Tradergesetze ist, wenn eine Marke so oft angetestet wurde, ohne dass sie überwunden wird, dann sollte man sich zurücklehnen und beobachten was passiert und die Füße still halten. Wenn dazu noch falsche Ausbrüche (False Breaks) auftauchen, ist das oft der Anfang eines nachhaltigeren Einbruchs.

Aber auch der Nasdaq100 nähert sich seinem letzten großen Bewegungshoch vom 11.01.06 bei 1761 Punkten. Damit steht nun ein weiterer Index vor einer bedeutsamen Marke. Was genau nach den Arbeitsmarktdaten passiert ist, wie diese zu bewerten sind, dazu mehr im nächsten Text unter "US-Konjunkturdaten".

Aber eins ist sicher: Die Vola steigt wieder!

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US-Konjunkturdaten

von Jochen Steffens

Die Zahl der neuen Stellen (ohne Landwirtschaft) liegt bei 211.000.

Erwartet wurden 190.000 neue Arbeitsplätze nach zuletzt 225.000 (revidiert von 243.000).

Leicht besser, aber eigentlich auch nicht wirklich sehr gut. Es passt aber zu den in letzter Zeit guten anderen Zahlen. Da auch noch die Arbeitslosenquote in den USA auf 4,7 % gesunken ist, wird aber die Sorge größer, dass die Fed doch noch die Zinsen weiter anhebt.

Die durchschnittlichen Stundenlöhne sind um 0,2 % auf 16,49 US-Dollar gegenüber dem Vormonat gestiegen. Erwartet wurde ein Anstieg um 0,3 % nach zuvor +0,4 % (revidiert von 0,3 %).

Diese Zahl liegt unter den Erwartungen und ist ein Anzeichen dafür, dass der Inflationsdruck seitens der Löhne weniger stark als erwartet ist. Das wird aber durch die stark steigenden Rohstoffpreise kompensiert.

Natürlich werden nun die Rohstoffpreise darauf reagieren, dass man allgemein mit weiter steigenden Zinsen rechnet. Wie gesagt, führt das wiederum zu einer Abschwächung der US-Wirtschaft und das sollte die Rohstoffpreise belasten.

Die Lagerbestände im Großhandel sind um 0,8 % gewachsen. Erwartet wurde ein Anstieg um 0,5 % nach zuletzt +0,2 % (revidiert von +0,1 %).

Eigentlich ein konjunkturschwaches Ergebnis, trotzdem fielen insbesondere die Indizes heute deutlich. Der Dax übertreibt dabei, wie gewohnt. Mal sehen, wie sich das auflöst, was die Amis im weiteren Handel und insbesondere am Montag machen. Schließlich wartet noch die Ertragssaison ...

Gruß Moya 

 

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