Was ist mit dem passiert?

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eröffnet am: 06.05.05 22:17 von: Parocorp Anzahl Beiträge: 1
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"Unser Fußball ist nicht gut genug"

Stuttgarts Coach zieht im Endspurt die Zügel an. Matthias Sammer fordert seine Profis heraus und warnt sie gleichzeitig, nicht auf dumme Gedanken zu kommen.

kicker:  Herr Sammer, nach Ihrer harten Kritik, sind Sie auf Einsicht bei Ihren Profis gestoßen?

Matthias Sammer:  Abwarten. Nach den Trainingseindrücken vor Rostock und Gladbach war auch nicht abzusehen, dass das Trainierte nicht funktioniert. Wir haben gut gearbeitet, aber ich kann keine Wunderdinge erkennen. Die will ich auch lieber am Samstag sehen.

kicker:  Woher die Hoffnung?

Sammer:  Ich bin grundsätzlich immer guter Dinge. Es gibt keinen Grund zur Euphorie. Aber ich kann auch nichts Negatives sagen - und das ist doch schon mal positiv.

kicker:  Worauf haben Sie besonders großen Wert gelegt im Training?

Sammer:  Jeder Trainer hat seine eigene Definition, worauf es ankommt.

kicker:  Sind Ihnen in der Kürze der Zeit nicht die Hände gebunden?

Sammer:  Alles braucht Zeit. Ich kann es langsam nicht mehr hören: Dass ein Trainer im Training immer anschieben muss. Dass man ständig darauf achtet, dass niemand nach Kritik beleidigt ist. Dass man elementare Dinge, die nicht funktionieren, um des lieben Friedens willen verschweigt. Das stinkt mir. Es ist ein allgemeines deutsches Problem. Es geht nicht mehr. Unser Fußball ist nicht mehr gut genug. Wir haben nicht das Recht, Dinge zu beschönigen. Die Fußballer in Deutschland müssen endlich die Ärmel hochkrempeln und sich aufs Wesentliche konzentrieren.

kicker:  Ist die heutige Generation schwieriger zu motivieren?

Sammer:  Ich mag die Vergleiche mit früher nicht. Mir hat's schon als Spieler gestunken, wenn es hieß: Früher war alles besser. Alles war früher besser - schon immer. Das nervt. Wir sollten uns lieber zu Heute Gedanken machen, statt in die Vergangenheit zu blicken.

kicker:  Vor Jahren machte das Wort Wohlstandsjünglinge die Runde.

Sammer:  ... das ist mir zu pauschal, zu weit hergeholt. Ich bin mehr für positive Beschreibungen.

kicker:  Zum Beispiel?

Sammer:  Ehrgeiz, Siegeswille, Charakter. Heute sind Leistungen - überspitzt gesagt - abhängig vom Wetter oder von was weiß ich was.

kicker:  Was kann man tun?

Sammer:  Wir müssen unsere Persönlichkeiten mehr hegen und pflegen. Ein Oliver Kahn wird, wenn er mal etwas Kritisches sagt, an den Pranger gestellt. Ich bin froh, dass es so Typen gibt. Und dass ich auch in Stuttgart welche habe mit Soldo oder Babbel, Timo Hildebrand ist auf einem guten Weg dazu.

kicker:  Sterben solche Typen aus?

Sammer:  Solche Charaktere sind rar. Sie müssen reifen, brauchen dafür Zeit. Und den jungen Spielern fehlen heute oft solche Vorbilder, an denen sie sich orientieren könnten.

kicker:  Trotz Babbel und Soldo sehen Sie beim VfB einiges im Argen.

Sammer:  Man sollte nicht alles verdammen. Wir stehen nicht schlecht da. Außerdem ist das auch kein spezielles VfB-Problem sondern eines, das viele Klubs betrifft.

kicker:  Haben Sie die Entwicklung beim VfB verschlafen?

Sammer:  So eine Entwicklung ist schleichend. Vielleicht hätte ich etwas früher noch stärker dagegen ankämpfen müssen. Wir müssen begreifen, dass wir nicht so sehr von äußeren Umständen abhängig sein dürfen, sondern eine eigene Stärke entwickeln müssen. Wir waren auf einem guten Weg. Aber unser Anspruch ist jetzt die Königsklasse. Dazu brauchen wir mehr.

kicker:  Sind Geldstrafen ein probates Mittel, um Druck zu erzeugen?

Sammer:  Quatsch. Es musste allerdings sein, um ein paar Dinge gerade zu rücken.

kicker:  Hleb muss 10 000 Euro Strafe zahlen . . .

Sammer: . . .  kein Kommentar.

kicker:  Ihren Unmut zog er sich bereits gegen Wolfsburg zu, verdonnert wurde er aber erst nach seiner Gelben Karte in Gladbach. Hleb sagt, er verstehe die Strafe nicht.

Sammer:  Wenn er gleich verstanden hätte, wäre die Strafe wahrscheinlich nicht nötig geworden.

Kicker:  Warum muss Hleb 10 000 Euro und Meira 15 000 zahlen?

Sammer:  Aleks hatte Glück, dass er nicht vom Platz geflogen ist.

kicker:  Muss Meißner für seine Rote Karte bei den Amateuren zahlen?

Sammer:  Ja, wie Meira.

kicker:  Warum so viel? Er verkörpert doch sonst den Typ Musterprofi.

Sammer:  Hundertprozentig. Aber ein so erfahrener Spieler darf sich nicht provozieren lassen. Da kann ich keinen Unterschied machen.

kicker:  Waren Sie zu lange zu gut zu Ihren Spielern?

Sammer:  Wir haben eine gute Runde gespielt, nur Rostock und Gladbach war sehr schlecht. Von daher habe ich relativ früh reagiert.

kicker:  Fürchten Sie nicht, dass Ihre Maßnahmen dafür sorgen, dass der VfB in Sachen Hleb, Meira oder Kuranyi mit Wechselgerüchten oder -absichten konfrontiert wird?

Sammer:  Ich kann's nicht mehr hören. Über solche Dinge mache ich mir wirklich keinerlei Gedanken. Hier geht's um Grundprinzipien, die man einhalten muss und nicht darum, bei jeder Gelegenheit gleich beleidigt zu sein.

kicker:  Und wenn jemand sagt: Trainer, ich will weg!

Sammer:  Ich will mich lieber mit der Champions League befassen und nicht mit Kindergarten-Themen. Wenn deswegen wirklich einer kommen und um seine Freigabe bitten sollte, werde ich das gerne mit ihm diskutieren. Die Spieler sind Angestellte des VfB, sie haben einen Vertrag und sollten sich lieber auf Ihre Leistungen konzentrieren, statt mit solchen Dingen anzufangen.

kicker:  Was erwarten Sie am Samstag gegen Hannover?

Sammer:  Einen Sieg.

kicker:  Und eine gute Leistung?

Sammer:  Als Erstes erwarte ich einen Sieg.


Interview: George Moissidis


  

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