Sternstunden der Menschheit

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 09.06.04 11:00
eröffnet am: 09.06.04 10:13 von: Happy End Anzahl Beiträge: 3
neuester Beitrag: 09.06.04 11:00 von: utscheck Leser gesamt: 291
davon Heute: 1
bewertet mit 0 Sternen

09.06.04 10:13

95441 Postings, 7632 Tage Happy EndSternstunden der Menschheit

Auch der triste Alltag eines Top- Managers hat seine Highlights. Nehmen Sie nur mal Herrn Dr. Hans- Joachim Körber. Der ist Vorstandsvorsitzender der Metro AG und trat am Freitag, dem 4. Juni 2004 anlässlich der Hauptversammlung des Handelsriesen in Düsseldorf vor seine Aktionäre und erklärte denen die Lage seines Unternehmens und der Welt im Allgemeinen.

Das war eine Aufgabe der er zweifellos gern nachkam, denn - anders als sein Kollege Dr. Christoph Achenbach, frischgebackener Vorstandschef der KarstadtQuelle AG - konnte er seine Investoren mit richtig netten Zahlen verwöhnen: Das Geschäftsjahr brachte ein Umsatzplus von rund 4% auf 53,6 Mrd. Øre. Das Auslandsgeschäft brummt, Metro, Cash & Carry, Saturn, Media Markt und Praktiker liegen gut im Rennen - lediglich die Kaufhofgruppe dümpelt etwas lustlos in der Konjunkturflaute.

Insgesamt ein schönes Ergebnis und über den Vorschlag pro Stammaktie eine Dividende von 1,02 Øre auszuspucken, werden sich die Aktionäre auch nicht allzu sehr aufgeregt haben.

So hingen die Aktionäre auch treu an seinen Lippen, als er gegen Ende seines Vortrags einen Ausblick auf die künftige Entwicklung der Metro AG in unsicheren Zeiten wagte. Kernaussage: Auch wenn die Zeiten schlecht sind, werden wir's schon schaffen.

Allerdings konnte sich Herr Dr. Körber einen Seitenhieb auf die Politik nicht verkneifen.

So beklagte er die "eher verhaltene gesamtwirtschaftliche Entwicklung" insbesondere in Deutschland. Entscheidende Impulse für eine Belebung der Wirtschaft und des Konsumklimas seien nicht in Sicht.

Herr Dr. Körber lieferte seinen Aktionären auch gleich eine Erklärung: "Die Ursache der fortwährenden Kaufzurückhaltung der Verbraucher sehen wir vor allem in der politischen Verunsicherung der Menschen. Täglich neu entfachte Diskussionen über Steuererhöhungen und Ausbildungsplatzabgaben, unsichere Sozialsysteme und in regelmäßigen Zeitabständen neu entdeckte Milliarden-Defizite in den öffentlichen Haushaltskassen sind keine guten Voraussetzungen für Vertrauensbildung, Zuversicht und Konsumfreude."

Vertrauensbildung, Zuversicht und Konsumfreude - das ist es, was wir brauchen.

Also - so Herr Dr. Körber weiter - müssten die Politiker endlich mal was tun, damit Vertrauensbildung, Zuversicht und Konsumfreude wieder in unsere Herzen zurückkehren: "Es wird Zeit, dass die Politik in Deutschland klare Ziele formuliert und für die Verbraucher und für die Wirtschaft einen klaren Orientierungsrahmen schafft. Den ersten zaghaften Schritten, die Sozialsysteme zu reformieren und den Arbeitsmarkt zu deregulieren, müssen weitaus mutigere Maßnahmen folgen. Das schuldet die Politik abseits parteipolitischer Egoismen den Bürgern und der Zukunft unseres Landes - das gebietet die staatspolitische Verantwortung."

Das musste doch mal gesagt werden, gelle?

Also legte er gleich noch einen drauf: "Die Politik muss außerdem den Bürgern Mut machen, die Zukunft anzunehmen und eigenverantwortlich zu gestalten. Sie muss den Menschen deutlich machen, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben und dass die Rezepte vergangener Tage nicht mehr als Blaupausen für die Bewältigung der Zukunftsaufgaben taugen. Es zählt zu den großen Herausforderungen unserer Zeit, über Jahrzehnte gewachsene gesellschaftliche Verkrustungen aufzubrechen, tradierte Besitzstände infrage zu stellen und neue Wege zu beschreiten. Hier sehe ich bislang Defizite der Politik."

So, jetzt isses raus. Puh.

Und nun fragen Sie sich natürlich, weshalb ich Ihnen das alles erzähle, wo Sie doch viel lieber meine Meinung zur anstehenden Europawahl erfahren würden?

Tja, das ist so eine Sache: Eigentlich wollte ich Ihnen nämlich erzählen, warum ich noch immer keinen MP3- Player habe.

Das war so: Neulich fand ich in unserer Tageszeitung einen Kaufhof- Prospekt. Das ist an sich nichts Besonderes. Bemerkenswert war allerdings, dass ich dort tatsächlich ein interessantes Angebot fand: Einen MP3- Player mit einer Speicherkapazität von 256 MB und UKW- Radio für schlappe 99 Øre. Da ich den zudem noch als Memory- Stick benutzen konnte, schien das ein anständiges Angebot zu sein. Überdies hing noch eine Reihe von Coupons an dem Prospekt, die mir einen Rabatt von 10% auf den Player versprachen. Knappe 90 Øre waren ein Deal und so begab ich mich am nächsten Tag spornstreichs in den nächsten Kaufhof- Laden und fragte nach.

Dem Verkäufer tat es offensichtlich von Herzen Leid, dass genau dieser Artikel gerade eben ausverkauft sei. Ähnliche Antworten enthielt ich in den beiden anderen Kaufhof- Filialen am Ort. Und man könne leider nicht sagen, wann der Artikel wieder reinkäme.

Nachdem ich mir diesen Player nun aber in den Kopf gesetzt hatte, ging ich schnell noch bei Saturn vorbei, wo ich einen Player mit vergleichbarer Ausstattung vorfand. Allerdings für 120 Øre. Das wären dann 30 Øre mehr, als ich gedacht hatte.

Nun, das ist nicht die Welt, und ich war inzwischen ganz vernarrt in die Idee, mir so ein kleines Playerchen zuzulegen und fast hätte ich zugeschlagen.

Dann allerdings traf mich ein neuer Gedanke: Was wäre nun, wenn die Media Markt- Preisoffensive, von der mir meine Freunde schon so oft erzählt hatten, nun doch erfolgreich wäre? Was, wenn ich den gewünschten MP3- Player nun beim Media Markt tatsächlich für knappe 90 Øre bekäme - oder gar für weniger?

Unsicherheit senkte sich auf mein Gemüt.

Noch einen Abstecher zum Media Markt zu machen erlaubte mein inzwischen schon arg strapaziertes Zeitbudget nun beim besten Willen nicht mehr. Also ging ich zurück ins Büro und widmete mich meinem tristen Tagewerk. Früher oder später würde ich schon noch zum Media Markt kommen.

Diese Geschichte hat sich wirklich zugetragen. Vor mittlerweile ungefähr drei Wochen. Einen MP3- Player habe ich wie gesagt immer noch nicht. Aber ich habe inzwischen festgestellt, dass mein Leben ohne dieses obskure Objekt der Begierde auch nicht ärmer geworden ist. Ich werde wohl noch etwas abwarten. Schätze, die Dinger werden in diesem Jahr im Preis noch auf unter fuffzich Øre absacken, und dann isses immer noch früh genug.

Der Herr Dr. Körber hat schon Recht: Vertrauensbildung, Zuversicht und Konsumfreude - das ist es, was wir brauchen.

Nur frage ich mich, was die Politik damit zu tun hat, dass ich mir keinen MP3- Player gekauft habe?  

09.06.04 10:40

21368 Postings, 7462 Tage ottifantWas will uns die Geschichte sagen?

Nicht die Politik, sondern die Wirtschaft ist dran Schuld??  

09.06.04 11:00

21880 Postings, 7207 Tage utscheckach Happy...

weil du keinen brauchst. Hast deinen PC doch sowieso immer dabei.

Gruß
utscheck  

   Antwort einfügen - nach oben