Sind die Anleger bullisch oder närrisch ?

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eröffnet am: 27.04.05 07:57 von: moya Anzahl Beiträge: 1
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Launische Gründe

von unserem Korrespondenten Bill Bonner

Die Stimmung der Anleger ist immer noch bullish. Vielleicht sogar närrisch. Die Umfragen zeigen es, aber nur die Handlungen zählen.
Letzte Woche Donnerstag stieg der Dow Jones sogar um 200 Punkte.
Vielleicht eine kurze Rallye in einem fallenden Markt. Man muss abwarten.

Gegenwärtig sind die Aktienmarktanleger bereit, Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 zu kaufen und zu halten ... Aktien, die kaum Dividenden abwerfen. Die Anleger sind jedoch optimistisch und verausgaben sich. "Die Dinge werden sich schon zum Besseren entwickeln", sagen sie zu sich. "Was kümmert mich, was Alan Greenspan sagt. Der Vizepräsident hat schließlich gesagt, dass die Defizite nicht viel ausmachen."

Am Donnerstag hat Alan Greenspan Dick Cheney widersprochen. Dass die Defizite sehr wohl etwas ausmachten, sagte der Vorsitzende der Fed. Er hat natürlich Recht. Es gibt jedoch viele Dinge, die von Bedeutung sind. Doch wenn die Leute in guter Stimmung sind, dann sind sie gerne bereit, darüber hinweg zu sehen. Das Handelsbilanzdefizit stieg auf sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Es wird schon von selber wieder fallen - irgendwie. Die Chinesen übernehmen die Industrie? Hey, lasst die doch schwitzen ... wir leisten lieber die Denkarbeit! Die Amerikaner stecken tiefer in den Schulden als je zuvor? Hey, keine Sorge, notfalls verkaufen wir einfach unsere Häuser.

Jede Generation hat ihren eigenen "Esprit" oder "Zeitgeist." (Ich ziehe das französische Wort vor, aber es klingt so sehr nach Parfum oder einem Hersteller für Strumpfhosen. Zeitgeist wiederum schleppt das Gewicht eines toten deutschen Philosophen mit sich herum.) Beide Wörter stehen für eine vorherrschende Stimmung einer bestimmten Zeit.
Welches Wort beschreibt am besten den Zeitgeist der Generation, die heute das Sagen hat? Wenn es um die privaten Finanzen geht, ruinieren sie sich selbst. Wenn es um die öffentlichen Finanzen geht, dann treiben sie ihre Kinder in den Ruin. Sie sind bereit, alles zu glauben
- vorausgesetzt, es ist unwahr und schmeichelhaft.

Sie glauben, dass sie der Welt einen Gefallen tun, wenn sie mehr ausgeben, als sie verdienen. Wie saugen den Überschuss an Erspartem auf, sagt Ben Bernanke von der Fed. Den Amerikanern erscheint es weder befremdlich noch seltsam, dass sie von den Sparern in der Dritten Welt erwarten, dass sie ihr Leben im Luxus fördern. Sie glauben auch, dass Häuser immer weiter im Wert steigen ... und dass man "mit Immobilien kein Geld verlieren kann." Sie sind sich diesbezüglich so sicher, dass sie auf ihre Häuser wetten, dass sie Fremdkapital aufnehmen, ohne Eigenanteil und mit monatlich fälligen Zahlungen - sodass die Kreditsumme auf Hypotheken eher steigt als fällt.

Eine Schlagzeile aus San Diego titelt in der Zwischenzeit: "Preise steigen rapide, nicht nur für Sprit." Reuters fügt hinzu, dass die Einnahmen nur halb so schnell steigen wie die Inflation. Im März sind die Preise im Einzelhandel um 0,6 % gestiegen. Aber die Durchschnittslöhne nur um 0,3 %. Der Durchschnittsbürger verfügte dadurch nur noch über eine um 0,3 % verringerte Kaufkraft. Und doch gibt er mit jedem Monat mehr aus. Wir werden schließlich alle reich, indem wir einander unsere Häuser verkaufen.

Die Stimmungen ändern sich natürlich. Wenn wir in guter Stimmung sind, dann geht das Signal vom Stimmungszentrum irgendwo in den Tiefen des limbischen Systems zu den Bereichen des Gehirns, wo das fortgeschrittenere Denken stattfindet. Es fragt sich dann: "Warum bin ich in so guter Stimmung?" Dann beginnt der vernünftige Teil des Gehirns mit seiner Argumentation und liefert Gründe. Es scheint dann nichts auszumachen, dass diese Gründe absurd sind - insbesondere dann, wenn es um weit verbreitete Haltungen geht. Die Leute haben keine Möglichkeiten, diese zu überprüfen, sodass eine groteske Vorstellung als Grund so gut ist wie jede andere: Weil die Hauspreise steigen!
Aktien auf lange Sicht immer steigen. Weil wir denken ... und die anderen schwitzen. Weil, weil, weil ...

Und dann, wenn sich die Stimmung verschlechtert, schaut man sich nach jemandem um, den man verantwortlich machen kann. Die Ehefrau hat die Zahnpasta aufgebraucht. Die Chinesen haben einem den Job weggenommen.
Die Russen haben sich nicht auf die Reformen eingelassen, obwohl man ihnen gesagt hat, dass sie es sollen. Auch das sind Gründe. Oft sind es die gleichen Gründe, die man hatte, als man in guter Laune war, nur umgedreht. Die Häuser sind zu teuer! Langfristig steigen Aktien immer ... aber momentan sind sie nicht besonders rentabel. Ich steige aus. Weil, weil, weil ...

Hin und her, vor und zurück ... Gründe werden erfunden und Stimmungen schwanken.

Stimmungen führen zu Gründen ... aber Gründe führen auch zu Stimmungen. Überzeugt davon, dass die Häuser im Preis nur steigen können, geben die Leute zu viel für sie aus. Aber dann verschwinden die Käufer ... die Preise fallen - obwohl die Leute immer noch in guter Stimmung sind. Ein Weilchen noch.

Gruß Moya

 

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