"Raus hier, aber schnell"

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eröffnet am: 01.05.05 14:04 von: Luki2 Anzahl Beiträge: 1
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LUFTFAHRT

"Raus hier, aber schnell"

Von Dinah Deckstein und Gerald Traufetter

Nach dem Erstflug des A 380 fiebern die Airbus-Manager dem Evakuierungstest entgegen. In 90 Sekunden müssen 873 Passagiere und Crewmitglieder über Notrutschen aussteigen.



Start des A 380 in Toulouse: Das größte Abenteuer, das die Flugzeugindustrie für Wagemutige bereithält

Der A 380 drehte bereits die ersten, telegenen Runden über den Pyrenäen, da gestand Airbus-Chef Noël Forgeard, was ihn wirklich die Nacht vor dem Jungfernflug umtrieb.

Keine Sekunde habe er daran gezweifelt, dass der Flieger vom Boden abheben könnte. "Ich hatte nur Angst, dass wir uns eine Stunde verspäten", gestand der Airbus-Vorsitzende, nachdem sich bereits der Termin für den Erstflug mehrmals verschoben hatte. Am liebsten hätte er den Schalter wohl höchstpersönlich umgelegt.

Als der A 380 am vergangenen Mittwoch um 10.29 Uhr eine halbe Minute vor der geplanten Zeit schließlich startete, wich nicht nur bei Forgeard die seit Monaten angestaute Spannung. "Ich bin so glücklich", jubelte der Franzose zusammen mit Tausenden Schaulustigen, die am Flughafengelände in Toulouse campiert hatten, um das historische Ereignis nicht zu verpassen.

Selten zuvor in der Geschichte der Zivilluftfahrt wurde dem Start eines neuen Flugzeugs von einem Millionenpublikum so entgegengefiebert wie dem Jungfernflug des europäischen Großraumjets A 380. Denn noch nie stand bei einer Flugzeugpremiere so viel auf dem Spiel.

Gelingt es den Europäern nicht, die ersten Jets termingerecht ab Mitte 2006 an die Erstkunden Singapore Airlines oder Emirates auszuliefern, drohen ihnen geharnischte Konventionalstrafen. Und ob sich die horrenden Entwicklungskosten von rund 14 Milliarden Euro jemals rentieren, wird nicht nur vom Erzrivalen Boeing angezweifelt.

Seit vergangener Woche wissen die Airbus-Manager immerhin eines: dass ihr 560 Tonnen schweres Riesenbaby fliegen kann. Noch Stunden nach der geglückten Landung gegen halb drei feierten die Beschäftigten zusammen mit Anrainern und Luftfahrtfans aus aller Welt den Triumph der Europäer ausgelassen in Kneipen oder unter freiem Himmel. Dass der Vogel nur eine geringe Höhe erreichte und die Instrumente eine nicht verriegelte Fahrwerkstür anzeigten, störte die Festgemeinde wenig.

In dem Jubel ging auch unter, dass dem Boliden sein eigentlicher Härtetest erst noch bevorsteht. Und der findet nicht in Toulouse, sondern in Hamburg statt.

Kein gleißendes Sonnenlicht wird diese Prüfung begleiten. Sie wird stattfinden in einer abgedunkelten Lackierhalle auf dem Airbus-Gelände in Finkenwerder. Im Mittelpunkt werden nicht technische Details, sondern 873 Menschen stehen, deren Verhalten sich nur schwer kalkulieren lässt.


Airbus-Chef Forgeard: "Ich bin so glücklich"

In 90 Sekunden müssen alle Testpassagiere das Flugzeug verlassen haben. 8 Notausgänge, die Hälfte von insgesamt 16, werden dazu geöffnet. So will es das Reglement der amerikanischen und europäischen Luftfahrt-Sicherheitsbehörden FAA und EASA. Es ist das wohl größte Abenteuer, das die Flugzeugindustrie für Wagemutige bereithält: die simulierte Noträumung des neuen europäischen Großraumjets A 380.

Die Auserwählten nehmen in einem besonders eng bestuhlten Testmodell ihre Plätze ein. Kurze Zeit später ertönt das Kommando "Raus hier, aber schnell". Über Kissen, Decken oder Pappbecher müssen die Versuchspassagiere den Weg zu einer von acht intakten Notrutschen finden. Die Szenerie ist detailliert durchchoreografiert, bis hin zum schummerigen Licht im Innern und der Zahl der Taschenlampen am Ende der Notrutschen.

Tickt der Sekundenzeiger ein paar Mal zu viel, verweigern die Prüfer dem Giganten womöglich den Tauglichkeitsnachweis für den Liniendienst. Einmal lässt sich der Test noch wiederholen. Wenn es dann nicht klappt, muss die Anzahl der zulässigen Sitze drastisch gesenkt werden.

Spätestens dann müssten die EADS-Manager ihre erhofften Absatz- und Gewinnzahlen wohl nach unten korrigieren. Denn der Jet würde etwa für japanische Airlines, die auf inländischen Kurzstrecken gern einklassig fliegen und die Airbus als Kunden gewinnen würde, unattraktiver werden.

Hohe Konzernmanager wie A 380-Sicherheitsdirektor Francis Guimera mühen sich, Zweifel an der Krisentauglichkeit des Megafliegers zu zerstreuen. "Wir hätten das Programm nie begonnen", beteuerte er kürzlich, "wenn wir nicht von vornherein sicher gewesen wären, das Evakuierungssystem zu beherrschen."

Tatsächlich scheuten die Airbus-Ingenieure und ihr US-Lieferant Goodrich, der die Ausstiegsrampen austüftelte, keine Mühe, um den Fluggästen im Ernstfall einen glimpflichen Rutsch zu ermöglichen. Die Amerikaner entwickelten eigens ein neues, besonders leichtes Nylonmaterial, das trotzdem extremen Windböen oder Temperaturschwankungen standhält.

Um die Fluchtrate zu steigern, verwenden sie Zweierrutschen. So können Paare immerhin Augenkontakt halten, während sie Seit an Seit zu Boden rauschen.

Selbst eine unfreiwillige Wasserlandung sollen die A 380-Passagiere unversehrt überstehen. Dann verwandeln sich die Pritschen flugs in Flöße, die bis zu 54 Gestrandete aufnehmen können. Dass die Rettungsinseln tatsächlich 24 Stunden lang Wind und Wetter trotzen, hat der Hersteller im vergangenen Monat vor der Küste Kaliforniens bereits erfolgreich getestet.

Nun folgt der Großversuch im fernen Hamburg. Für die Massenevakuierung müssen die Airbus-Manager eine Freiwilligentruppe rekrutieren, die sich nicht nur aus männlichen Hamburger Mitarbeitern zusammensetzt, sondern zu 40 Prozent aus Frauen besteht und auch 35 Prozent Ältere jenseits der fünfzig umfasst.



Da diese Bevölkerungsgruppen in der Airbus-Belegschaft eher unterrepräsentiert sind, wollen die Organisatoren in den kommenden Wochen gezielt Kontakte zu örtlichen Vereinen knüpfen. Als Lohn winkt den Teilnehmern nicht nur der Kick, bei der Feuertaufe des größten Passagierflugzeugs aller Zeiten mitzuwirken, sondern auch noch ein Taschengeld von 60 Euro.

Ganz ungefährlich ist die Schussfahrt aus lichter Höhe freilich nicht. Wer zögert, wird schon mal angeschoben. In einer Sekunde müssen pro Notausgang 1,6 Passagiere aus der Maschine rutschen.

Besonders gute Nerven braucht, wer bei der Fluchtaktion in Finkenwerder einen Platz im Oberdeck ergattert hat, wo später in der Regel First- und Business-Passagiere sitzen. Sie müssen sich aus stolzen acht Meter Höhe in die Tiefe stürzen.

In einem echten Notfall würden es viele der Besserverdiener wohl vorziehen, schnell über eine der beiden Treppen nach unten ins Hauptdeck zu hasten, um die Rutschpartie abzukürzen. Bei der Hamburger Premiere wird es einen Zusammenprall mit der Unterschicht indes nicht geben. Der Fluchtweg ins Parterre bleibt verschlossen und soll erst bei einem späteren Teilexperiment überprüft werden.

Über die Details solcher Übung ist es früher schon zu zähen Verhandlungen zwischen den Flugzeugbauern und den Behörden gekommen. Die drängen zu immer realistischeren Tests - mit erheblichen Risiken. So kam es 1991 beim Flugzeughersteller McDonnel-Douglas zu einem tragischen Zwischenfall. Bei der Probe-Evakuierung einer MD-11 verhakte sich eine 60-jährige Frau und schlitterte kopfüber in eine Gruppe von Testpassagieren. Seitdem ist die Frau querschnittsgelähmt.

A 380-Chefingenieur Robert Lafontan weist den Verdacht zurück, Airbus würde mit den Behörden über die Versuchsbedingungen feilschen. "Wir werden alles so machen, wie man es von uns verlangt", beteuert er.

Wann die Probe stattfindet, ist noch immer ungewiss. Ursprünglich war vom Sommer die Rede, dann peilten die Airbus-Manager den Oktober an, und inzwischen heißt es inoffiziell "bis Ende des Jahres".

Spätestens dann werden die Airbus-Manager wohl erneut den Atem anhalten. Denn der nächste Countdown ist zu diesem Zeitpunkt bereits voll im Gang: Bis zur Übergabe des ersten A 380 an Singapore Airlines bleiben dann gerade noch sechs Monate.

Q:
 http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,354162,00.html

wenn in 90 Sekunden 873 Passagiere und Crewmitglieder über 8 Notrutschen aussteigen, da währe ich gerne dabei.

Gr. luki2  

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