Prozess geplatzt

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Richter stoppt Prozess gegen Lynndie England

Der Prozess um den Folterskandal im US-Gefängnis Abu Ghureib ist geplatzt. Der Militärrichter wies das strafmildernde Schuldeingeständnis der angeklagten US-Soldatin Lynndie England zurück - ausgerechnet nach der Aussage eines Zeugen der Verteidigung, ihrem ehemaligen Vorgesetzten und Liebhaber.

Fort Hood - Die 22-Jährige hatte sich in sieben von neun Anklagepunkten schuldig bekannt, im Gegenzug wollte die Staatsanwaltschaft zwei Anklagepunkte fallen lassen. Statt einer Höchststrafe von 16 Jahren und sechs Monaten drohten England nur noch elf Jahre Haft. Doch der Richter spielte nicht mit.

Der Entscheidung des Militärgerichts in Fort Hood im US-Staat Texas ging eine Aussage des mutmaßlichen Anführers in dem Folterskandal, Charles Graner, voraus. Graner erklärte, drei Fotos, auf denen England einen nackten irakischen Gefangenen an einer Leine hält, hätten als legitimes Unterrichtsmaterial für andere Wachleute dienen sollen. England sei lediglich Befehlen gefolgt. Er sei bestürzt, dass England sich schuldig bekannt habe, hieß es in einer Erklärung, die Graner Journalisten ausgehändigt hatte.

Die 22-Jährige hatte erklärt, sie habe damals gewusst, dass die Fotos ausschließlich zur Belustigung des Wachpersonals in dem Bagdader Gefängnis dienen sollten. Nach Militärrecht kann ein Richter das Schuldeingeständnis nur dann akzeptieren, wenn die Angeklagte zum Tatzeitpunkt wusste, dass sie etwas Illegales tat.

Richter Oberst James Pohl sagte, er sei nicht davon überzeugt, dass England damals gewusst habe, dass sie Verbotenes tat. Die Aussagen Englands und Graners könnten nicht in Einklang gebracht werden. "Es gibt keine Verschwörung, die von einer einzigen Person begangen wird", sagte der Richter zum Anklagepunkt der Verschwörung Englands und Garners. Er erklärte den Prozess für gescheitert und entließ die Geschworenen. "Das Verfahren wird heute eingestellt und irgendwann in der Zukunft wieder aufgerollt", sagte Pohl. "Zum jetzigen Zeitpunkt kann keine Schuld festgestellt werden", begründete er seine Entscheidung.

Pohl hatte schon in den vergangenen Tagen Zweifel durchblicken lassen, ob England wirklich Reue zeigt. Die Verteidiger hatten mit dem Schuldbekenntnis das Höchststrafmaß erheblich senken wollen.

Bei den Beratungen des Militärgerichts in Texas über das Strafmaß wurde gestern als erster Zeuge der Verteidigung der Psychologe Thomas Denne gehört. Er berichtete, England habe bei der Geburt unter Sauerstoffmangel gelitten und dann Schwierigkeiten beim Sprechen und Lesenlernen gehabt. In der Schule habe sich das zwar etwas gebessert, aber "ich wusste, dass ich für den Rest meines Lebens mit Lynndie England zu tun haben werde", erklärte Denne.

England ist eine von sieben Angehörigen der 372. Kompanie der Militärpolizei, die wegen Demütigung und körperlicher Misshandlung von Gefangenen im Irak angeklagt ist. Auf die Frage von Richter Pohl, ob England zwischen richtig und falsch unterscheiden könne, sagte der Psychologe Denne, sie sei fügsam und neige dazu, auf Autoritätspersonen zu hören. Am Montag hatte England zu Pohl gesagt, sie habe sich zunächst nicht an den Misshandlungen beteiligen wollen, aber dann dem Druck der Gruppe nachgegeben. "Ich hatte die Wahl", sagte sie, "aber ich habe mich dafür entschieden, das zu tun, was meine Freunde von mir wollten."

Graner soll über das Schuldeingeständnis Englands verärgert gewesen sein. Er selbst hatte in seinem Prozess angegeben, auf Anweisung gehandelt zu haben. Ranghöhere Verhörbeamte hätten gefordert, dass die Gefangenen "weich geklopft" werden. Das Gericht hatte das im Januar verworfen. Der ehemalige Geliebte von England wurde im Januar wegen der Misshandlungen in Abu Ghureib zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der 36-Jährige ist der Vater des Jungen, den England im Herbst vorigen Jahres zur Welt brachte. Er heiratete inzwischen eine andere Soldatin, die er in Abu Ghureib kennen gelernt hatte.
spiegel online 4.5.2005
 

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