Politische Streitkultur: Die Würde des Gümbel

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eröffnet am: 04.12.08 18:01 von: Happy End Anzahl Beiträge: 1
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04.12.08 18:01

95441 Postings, 7407 Tage Happy EndPolitische Streitkultur: Die Würde des Gümbel

POLITISCHE STREITKULTUR
Die Würde des Gümbel

Mümpel, Stümpel, Dümpel, Pümpel, Gimpel, Simpel - nie zuvor ist ein bundesdeutscher Politiker wegen Namen und Aussehen derart mit Hohn, Hass und Häme überschüttet worden wie der neue Spitzenmann der SPD in Hessen. Thorsten Schäfer-Gümbel hat keine Chance - aber er nutzt sie.

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Die Gestalt, die Brille und der Name des 39-jährigen Politikwissenschaftlers und dreifachen Vaters aus Hessen - all dies wird seit drei Wochen in deutschen Zeitungen sowie in deren Online-Foren und in Dutzenden von Weblogs unablässig thematisiert, besonders hämisch und höhnisch von Medien rechts der Mitte.

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Wohl nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein Politiker - geschweige denn ein Newcomer - wegen seines Namens und wegen äußerer Attribute mit ähnlich viel Gehässigkeit bedacht worden. Fast scheint es, als habe sich eine Zeitenwende in der deutschen Streitkultur vollzogen (soweit von Kultur noch die Rede sein kann).

"No jokes with names" - nach der unsäglichen Verballhornung jüdischer Namen im antisemitischen "Stürmer" und in anderen Nazi-Blättern galt der angloamerikanische Benimm-Kodex sechs Jahrzehnte lang auch in der Bundesrepublik, im Parlament wie in der Presse.

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Geöffnet wurde die Schleuse, als Boulevardblätter wie "Bild" und "BZ" begannen, am Namen von Schäfer-Gümbels wortbrüchig gewordener Vorgängerin Andrea Ypsilanti herumzumachen, um sie abwechselnd als "Lügilanti", "Tricksilanti" oder "Tschüssilanti" vorzuführen. Nach dem überraschenden Antritt ihres Nachfolgers verbreitete die "Berliner Zeitung" unter Berufung auf anonyme "böse Zungen" die Wortschöpfung "Gümbelanti", während Blogger begannen, ihrem Hass auf "McMümpel", den "Aushilfsprömpel", freien Lauf zu lassen.

Kanzler Kohl als "Birne" zu persiflieren, war in der Bonner Republik zwar den Witzbolden von "Titanic" im allgemeinen zugestanden worden. Als degoutant dagegen galt es, in Leitartikeln oder Parlamentsdebatten auf das Aussehen eines politischen Gegners anzuspielen oder es gar zum beherrschenden Thema zu machen. Völlig undenkbar war es jahrzehntelang, ein Interview etwa mit der Frage einzuleiten: "Herr Wehner, wann lassen Sie sich die Zähne richten?"

Diese Zeiten scheinen passé - fast so vergangen wie die Radio Days, als die Wähler einen Politiker eher zu hören als zu sehen bekamen. In der Epoche der Television und der Telekratie, der Supermodelsuche und des Markenterrors schon auf dem Schulhof droht die Äußerlichkeitsfixiertheit von Teilen des Publikums Aussagen über politische Ziele mehr und mehr zu überlagern.

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Ob jemand von "Focus" oder von der "Süddeutschen Zeitung" den Kandidaten Schäfer-Gümbel in jüngster Zeit interviewte - gleich in der ersten Frage ging's um dessen Sehhilfe. Die "FAZ" glänzte unterdessen mit dem Einfall, einen Optikermeister zu dem "Unding" zu interviewen. Der Kopf des Kandidaten, befand der Fachmann in dem Blatt für die klugen Köpfe, werde vom schwarzen Steg der Brille unvorteilhaft aufgeteilt in "80 Prozent Untergesicht" und "eine kleine schmale Denkbeule obendrauf".

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Schäfer-Gümbel versteht es, auf die absurde Debatte angemessen zu reagieren - mit Humor. Schon in seinem ersten Rededuell mit Koch, anlässlich der Auflösung des hessischen Landtags am Buß- und Bettag, führt er aus, es sei ja schon viel über seine Brille geschrieben worden, um sich zu Koch umzudrehen und ihm feixend zuzurufen: "Wir machen hier aber keinen Wettbewerb 'Germany's next top model'. Im Übrigen: Diesen Wettbewerb würde ich gewinnen."

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Und die "Stuttgarter Zeitung" kommentiert, nach dem "gelungenen Debüt" im Parlament und einer respektabel bestandenen "Feuertaufe", einem Interview mit TV-Inquisitor Michel Friedman, müssten nun auch jene, die den Kandidaten "zuvor noch mit einem mokanten Lächeln" bedacht hätten, eines zugeben: dass Schäfer-Gümbel "politisches Talent hat und Roland Koch durchaus gefährlich werden könnte".

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Der "Stern" staunt über die "selbstbewusste Medien-Performance" des Überraschungskandidaten, der "aus Schwächen Stärken" macht. Die "Zeit" sieht ihn gar schon auf dem Weg der "Kultwerdung". Unter der Überschrift "Mehr Dioptrien wagen" schreibt das Wochenblatt: "Zuerst lachten die Leute über den hessischen Müller-Lüdenscheid, dann gossen sie Häme über das Riesenbaby - und jetzt erkennen sie plötzlich, dass da etwas ist, was sie nicht gesehen haben, eine Qualität, eine Eigenschaft, die Respekt abnötigt. Die Fähigkeit, das Lachen und die Häme zu ertragen."

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weiter: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,594456,00.html

 

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