Oase im Höhenrausch

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8001 Postings, 5957 Tage KTM 950Oase im Höhenrausch

07.04.2006   17:30 Uhr

Vereinigte Arabische Emirate

Oase im Höhenrausch

Das Leben ohne Öl will vorbereitet sein, weswegen am Persischen Golf die höchsten Gebäude der Welt entstehen. Schließlich wird in den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht lange nach den Grenzen des Machbaren gefragt.
Von Markus Balser

In mattem Silber ragt der Überfluss aus dem Wüstensand. 90 Meter hoch und mit 400 Metern Pistenlänge gilt die stählerne Ski-Halle von Dubai als die größte der Welt. Erst im Dezember wurde die kühne Konstruktion mit fünf Pisten, Rodelbahnen, Sessellift und Hütten im Alpenstil eröffnet. 22.500 Quadratmeter bedeckt mit Schnee, in einem der heißesten Landstriche der Erde mühsam unter den Gefrierpunkt gekühlt.

?Ski-Fahren bei 30 bis 40 Grad Außentemperatur? ein bisschen bizarr ist das schon?, sagt Hallenchef Phil Taylor. Als Ausländer müsse man sich in Dubai erst daran gewöhnen, dass nicht lange nach den Grenzen des Machbaren gefragt werde.

Ein Satz ganz nach dem Geschmack der Stadtväter. ?Das Wort ,unmöglich? gehört nicht in den Wortschatz eines Führers?, lässt Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoum gerne wissen.

Der neue Herrscher des Emirats trieb schon lange vor seiner Amtsübernahme im Januar pragmatisch und ohne großes Aufsehen den gewaltigen Umbau Dubais vom verschlafenen Wüstennest zur weltweit führenden Finanz-, Handels- und Tourismusmetropole voran.

Keine Details, nur ein Termin

?Sie kriegen morgens eine E-Mail: Scheich Mohammed habe die Ehre, ein neues Projekt zu verkünden?, sagt ein deutscher Investor. Keine Details, nur ein Termin für den gleichen Nachmittag. In den Büros der Herrscherfamilie erfährt die Geschäftsgemeinde dann: Dubai baut einen neuen Flughafen mit sechs Landebahnen ? fast doppelt so groß wie Frankfurt. ?Und das Verrückte ist: Die machen das wirklich.?

Jedes einzelne Projekt folgt dem Lebensziel des Regenten: Das Emirat von jenem Erdölgeschäft abzunabeln, das Dubai binnen einer Generation von einer Kultur am Rand des Existenzminimums zur Überflussgesellschaft gemacht hat.

1967 gingen die ersten Bohrtürme in Betrieb. Wo noch Anfang der sechziger Jahre nichts als Sandpisten waren, erschlossen plötzlich Straßen das Emirat. Wo Perlentaucher in kargen Hütten lebten, blühen Gärten. Die Bevölkerung wuchs rasant: Vor 40 Jahren zählte Dubai 450.00 Einwohner ? heute sind es mehr als zwanzig Mal so viele.

Die Ölvorkommen könnten bald erschöpft sein

Doch die Geldquelle droht zu versiegen. In etwa zehn Jahren, glaubt Nabil Al Yousuf, politischer Chefberater des Scheichs, seien die Ölvorkommen erschöpft. Als erstes am Golf muss das Emirat den Abschied vom Öl schaffen. Dubai will zur schillernden Drehscheibe für Handel und Finanzen im Nahen Osten werden ? wenn nicht mehr.

?Die Erde hat ein neues Zentrum? steht am Bauzaun des Burj Dubai, dem Lieblingsprojekt des Emirs im künftigen Banken- und Geschäftsviertel. Der Wolkenkratzer soll das höchste Bauwerk der Welt werden. Wie hoch genau, gilt als Staatsgeheimnis. Niemand schließlich soll planen können, noch höher zu bauen.

Wer die achtspurige Magistrale ein paar Minuten stadtauswärts fährt, kommt vorbei an Baukränen, die dutzende Hochhäuser gen Himmel ziehen. In der Nachbarschaft soll ein Hafen mit Freihandelszone bis 2010 der wichtigste Umschlagplatz für die Seeschifffahrt am Persischen Golf werden.

Ganze Viertel lässt die Herrscherfamilie auf dem Reißbrett neu entwerfen. In Sports City könnten schon 2020 die Olympischen Sommerspiele stattfinden, ist sich Scheich Mohammed sicher ? auch wenn sie wegen der Hitze in den Winter verlegt werden müssten.

Mit holländischen Spezialschiffen aufgeschüttet

Und in den neuen Universitäten von Knowledge City sollen die Einheimischen künftig studieren, um bei der Entwicklung des Landes eine größere Rolle zu spielen. Selbst vor dem Meer macht die Bauwut nicht halt. Holländische Spezialschiffe haben eine Insel in Palmenform aufgeschüttet. 2000 Villen, 4000 Apartments und 40 Hotels entstehen, hunderte weiterer künstlicher Inseln sollen folgen.

Im Glasbau mit der Hausnummer @6 am Rande des Technologiezentrums Internet City schwärmt Joachim Kundt von den Chancen am Golf. ?Sie finden hier schon jetzt alle großen Firmen der Welt. Jeder will ein Stück vom Kuchen?, sagt der Leiter des Siemens-Geschäfts in der Region.

Siemens hofft auf hohe Wachstumsraten

Der Konzern hat 2005 Kraftwerke, Flughafenausrüstung, Medizin- und Kommunikationstechnik für etwa eine Milliarde Euro in den Ländern am südlichen Golf verkauft. Von 2003 bis 2005 wuchs der Umsatz des Konzerns im Nahen Osten insgesamt um 34 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro. Und in den kommenden Jahren geht Kundt von jährlichen Wachstumsraten von bis zu 15 Prozent aus.

In der Nachbarschaft lassen sich internationale Firmen wie Microsoft, Oracle und SAP nieder, weil Dubais geografische Lage zwischen Europa und Asien eine gute Drehscheibe für den Handel bietet. Die Lufthansa oder der Chemiekonzerns BASF haben sogar ihr regionales Hauptquartier in Dubai angesiedelt.

Mitten in der Wüste zwischen Dubai und Abu Dhabi, abgeschirmt wie ein militärischer Sicherheitstrakt, steht eines der Herzstücke des Booms: Ohne Anlagen wie das Kraftwerk Al Taweelah und die benachbarte Meerwasserentsalzungsanlage wäre dieser Aufschwung nicht denkbar. ?Fast täglich verlangen die Menschen mehr Wasser und Strom?, sagt Richard Mukhtar, Manager der Emirates CMS Power Company.

Hoher Energiebedarf

Fünf neue Kraftwerke werden in der Region geplant. Nirgendwo auf der Welt wächst der Energiebedarf so stark wie hier.

Im Schatten Asiens hat sich der Nahe Osten zu einer der wichtigsten Wachstumsregionen der Welt entwickelt. Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) werden zum Tigerstaat nach asiatischem Vorbild.

Mit einem Unterschied: ?Kapital für den Aufbau der Infrastruktur muss nicht mühsam ins Land gelotst werden. Das Geld ist längst da?, sagt Michael Pfeiffer, Abteilungsleiter Internationales des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

Der hohe Ölpreis ließ die Einnahmen im vergangenen Jahr sprudeln. Der Staat erwirtschaftete hohe Überschüsse. Und auch privates Kapital gibt es dank einer liberalen Finanz- und Wirtschaftspolitik ohne Einkommen oder Unternehmensteuern reichlich.

Laut World Wealth Report 2005 von Merrill Lynch und Capgemini gibt es 53.000 US-Dollar-Millionäre ? fast fünf Prozent der Bevölkerung. Kein anderer Flecken Erde zählt so viele Millionäre.

Im vergangenen Jahr sei der Wert deutscher Exporte in die Vereinigten Arabischen Emirate um 20 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro gestiegen, sagt Pfeiffer. Damit ist die Föderation zum wichtigsten Absatzmarkt für deutsche Produkte im arabischen Raum geworden.

Eine der größten Baustellen der Welt

An keinem anderen Ort werde auf so engem Raum so viel investiert, wie im VAE-Emirat Dubai. Der Umfang begonnener oder geplanter Projekte beträgt 120 Milliarden Dollar. ?Die Stadt gehört zu den größten Baustellen der Welt?, sagt Pfeiffer.

Schon fragen manche, ob der Turmbau zu Dubai nicht ein Zeichen von Größenwahn sei, der dem alten Babylon ähnele, ob das Angebot wirklich Nachfrage schaffe. Denn noch sei unklar, wer einst in den Luxusimmobilien wohnen und arbeiten werde.

80 Prozent von Dubais Bevölkerung kommen aus dem Ausland, die meisten aus Niedriglohnländern wie Indien oder Pakistan. Berater Nabil Al Yousuf reagiert auf solche Fragen stoisch und mit Zahlen. In den nächsten zehn Jahren wachse Dubai um jeweils acht Prozent. So prophezeie es der neue Zehnjahresplan des Scheichs. Dabei erwirtschafte das Emirat zwei Drittel seines Bruttoinlandsprodukts aus Handel und Dienstleistungen. Der Wandel sei auf einem guten Weg.

Argwohn in der streng islamischen Nachbarschaft

Was Firmenchefs in Deutschland nicht zu finden glauben ? hier gibt es davon reichlich: Zuversicht, Pragmatismus und eine unerschütterliche Hoffnung auf gute Geschäfte. Doch in der streng islamischen Nachbarschaft wächst der Argwohn, ob das Emirat damit noch auf dem richtigen Weg ist.

Die Führung lässt sich nicht beirren und weist Kritik an ihrem Kurs barsch zurück. ?Entweder ihr ändert euch, oder man wird euch auswechseln?, erklärte Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum neulich. Die Warnung zielte auf die wirtschaftliche und soziale Öffnung der streng islamischen arabischen Nachbarn.

Dabei kann auch in Dubai von Pressefreiheit und Demokratie noch keine Rede sein. Viele Internetseiten werden zensiert, brisante Filme nicht gezeigt. Demonstrationen wie die von Gastarbeitern für bessere Arbeitsbedingungen und pünktliche Bezahlung sind dem Regime ein Dorn im Auge. Der Scheich tobte und verpflichtete die Baufirma, ausstehende sieben Millionen Dollar innerhalb von 24 Stunden zu zahlen und schloss sie von Aufträgen aus.

Sonderrolle

Mit aller Macht wollen die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Sonderrolle am Golf als sicherer Hafen ohne Unruhen und Terror verteidigen. Dhahi Khalfan Tamim, der Sicherheitschef von Dubai, lässt sich das einiges kosten. Für 15 Millionen Euro baute ihm Siemens ein neues Einsatzzentrum, das dem Kontrollraum der Nasa gleicht. ?Vor zehn Jahren sind wir nach Tokio gefahren, um uns die neueste Technik anzuschauen. Jetzt kommen die Japaner zu uns.?

Tamim ist ein mächtiger Mann, der sich gerne mit den Herrschern des Emirats in den Zeitungen am Golf abbilden lässt. Und er glaubt: Scheich Mohammed habe erst zehn Prozent seiner Visionen verwirklicht. ?Das Land legt die Zukunft in seine Hände.? Schließlich, so heiße es in Dubai, sei ihm nicht nur diese Stadt zu verdanken, sondern auch die Schönheit des Himmels und der Wüste.

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8001 Postings, 5957 Tage KTM 950Der Superwolkenkratzer

Burdj-Dubai

Der Superwolkenkratzer

Am Persischen Golf wächst das höchste Haus der Welt in den Himmel. Doch die Löhne sinken ? und jetzt streiken die Arbeiter.
Von Tomas Avenarius

Glanz und Elend liegen nahe beieinander, auch im superreichen Öl-Emirat Dubai am Persischen Golf.

Während die Familien der Scheichs ihre goldenen Wasserhähne auf- und zudrehen und ihre Untertanen sich im Wüstenland auf vollklimatisierten Eisbahnen und Skipisten amüsieren, führen große Teile der eine Million ausländischen Arbeiter ein weit weniger komfortables Leben ? in nicht-klimatisierten Wüstenlagern, schäbigen Hotels oder Mini-Zimmern in den Luxuswohnungen ihrer Arbeitgeber.

Jetzt aber begehren die für wenig Geld schuftenden Pakistaner, Inder und Philipinos auf: Mit wilden Streiks an der Baustelle für das höchste Gebäude der Welt, den ?Burdj-Dubai?.

Italo-Stil für die Scheichs

Wegen der miserablen Bezahlung und den unzumutbaren Arbeitsbedingungen am ?Dubai-Turm? splitterten Fenster, brannten ein paar Autos, Baumaschinen und Büros, der Bau stand still.

Dubais Behörden wollen mit Härte reagieren: Wer in dem Teilstaat der ?Vereinigten Arabischen Emirate?, wo es für die ausländischen Arbeiter keine Gewerkschaft gibt, noch einmal ?ohne gerechtfertigen Grund? protestiere, werde bestraft und ausgewiesen.

Der Bauarbeiter-Aufstand wirft ein Schlaglicht auf die Glitzerwelt am Golf. Die Vereinten Arabischen Emirate, zu denen Dubai gehört, sind ein Boomland ? eine Art Finanz- und Freizeitzentrum der arabischen Welt, mit immer teureren Malls und größeren Hotels, immer höheren Wolkenkratzern und immer absurderem Luxus bis hin zu künstlich aufgeschütteten Freizeitinseln vor der Golfküste. In Dubai selbst wird in den kommenden zehn Jahren ein ganz neuer Stadtteil gebaut; das Finanzvolumen liegt bei 20 Milliarden Dollar.

Klar, dass dann auch das höchste Gebäude der Erde hierher gehört. Mindestens 705 Meter hoch soll der ?Burj?-Super-Wolkenkratzer werden, mit Büros, Restaurants, Einkaufsstraßen, einem Armani-Hotel, einem über drei Stockwerke reichenden Aquarium und der für Wüstensöhne offenbar unentbehrlichen Eisbahn (in diesem Falle von Olympia-fähigen Ausmaßen).

Gebaut wird seit gut einem halben Jahr, in etwa vier Jahren soll die Einweihung des höchsten Hauses der Erde gefeiert werden. ?Burj-Dubai ist eine nationale Geste, ein Zeichen des nationalen Willens?, diktierte der amerikanische US-Chefarchitekt Adrian Smith von ?Skidmore, Owings und Merrill? den Journalisten, als die Fundamente gegossen wurden.

Billig ist diese ?nationale Geste? nicht, die Baukosten sollen bei 660 Millionen Euro liegen. Entsprechend solvent sind Miteigentümer und Mieter des Riesenhauses: Der italienische Design-Konzern Armani etwa wird im Turm ein Hotel eröffnen.

Die Italiener haben sich mit der Immobilienfirma ?Emaar Properties? auf ein 180-Zimmer-Hotel geeinigt, samt mehrerer Armani-Edelappartements.

?Unser Ziel ist es, das Armani-Konzept von Stil und Design auf Hotels zu übertragen?, sagt Modemacher Giorgio Armani. Das Hotel im ?Burj? soll nur der Anfang sein, geplant sind sieben weitere Armani-Hotels und drei Ferien-Ressorts.

So viel Italo-Stil mag den Scheichs und den wohlhabenden Touristen aus anderen Teilen der arabischen Welt oder aus den USA und Europa auf den Leib geschneidert sein. Nicht so recht passen will es zu denen, die den Burj-Turm errichten: Da die meisten Einheimischen in den Emiraten harte körperliche Arbeit nicht nötig haben, kommt die Mehrheit der Bauarbeiter aus ärmeren Staaten wie Indien oder Pakistan.

In Dubai sind von den eineinhalb Millionen Einwohnern zwei Drittel ausländische Arbeitskräfte: Hilfsarbeiter, Taxifahrer, Zimmermädchen, Haushaltshilfen und ein paar besser gestellte Dienstleister aus europäischen Staaten oder den USA.

Doch während auch einfache Gastarbeiter früher am Golf innerhalb weniger Jahre genug Geld für den Rest eines halbwegs sicheren Lebens verdienen konnten, sind die Löhne inzwischen gesunken. Nur noch bis zu 200 US-Dollar werden durchschnittlich monatlich gezahlt.

?Wäre ich in Indien geblieben und hätte dort so hart gearbeitet wie hier, hätte ich ebenso viel verdient?, klagte ein Arbeiter aus dem indischen Keeraala einer US-Zeitung.

Da er erst einmal einen Kredit aufnehmen musste, um mit Hilfe eines Vermittlungsunternehmens überhaupt an den Persischen Golf zu kommen, schichtet er nun kein bescheidenes Vermögen auf, sondern bezahlt mit dem Verdienst seine Schulden bei den Arbeitsvermittlern und halblegalen Schleppern ab.

 
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