Nützt oder schadet die Einwanderung den USA ?

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eröffnet am: 15.04.06 11:55 von: quantas Anzahl Beiträge: 2
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15556 Postings, 6090 Tage quantasNützt oder schadet die Einwanderung den USA ?

Wohl nur auf den ersten Blick eine negative wirtschaftliche Bilanz

In den USA wird heftig über ein neues Einwanderungsgesetz gestritten. Wirtschaft und Regierung weisen auf den Bedarf an Arbeitskräften hin und sind für eine liberale Einwanderungspraxis. Die Gegenseite prangert die Konkurrenzierung der einheimischen Arbeitskräfte an und macht eine zusätzliche Belastung des Staatshaushalts geltend.

Von unserem Wirtschaftskorrespondenten in Washington, Walter Meier

Washington, Mitte April

In den letzten Wochen hat die oft emotional geführte Diskussion um ein neues Einwanderungsgesetz in den USA an Schärfe zugenommen. Es geht vorab um die Frage, was mit den illegal im Land befindlichen Immigranten geschehen soll, deren Zahl auf elf Millionen geschätzt wird, und wie man den erwarteten Zustrom weiterer Einwanderer regeln will. Die bisherigen Diskussionen im Senat und im Repräsentantenhaus gehen in unterschiedliche Richtungen, so dass über die künftige Regelung - falls überhaupt eine Gesetzesrevision zustande kommt - noch kaum etwas Verlässliches gesagt werden kann. Die in der Debatte verwendeten Argumente sind vielfach nichtwirtschaftlicher Natur; es geht um Fragen der mangelnden Integration von Einwanderern, um eine Verschiebung der Gewichte zwischen einzelnen Rassen oder aber auch um das Unbehagen darüber, dass die Existenz so vieler illegaler Einwanderer die Prinzipien des Rechtsstaates unterhöhlt. Anderseits gibt es bei den Amerikanern eine weitverbreitete Grundströmung zugunsten der Einwanderung, denn praktisch alle Familien wissen um ihre Herkunft von ausserhalb der USA.

Höchster Stand seit 80 Jahren

Dass die Einwanderungs-Debatte gerade jetzt so an Intensität zugenommen hat, hat mit der politischen Konstellation zu tun, dürfte aber auch mit der in den letzten Jahren hohen Zahl der (legalen und illegalen) Immigranten zusammenhängen. Gemäss Angaben des Center for Immigration Studies sind zwischen 2000 und 2004 netto (also nach Abzug von Rückwanderern) 4,3 Mio. Ausländer zugezogen, wobei knapp die Hälfte davon auf illegale Zuwanderer entfiel. Dies ist im langjährigen Vergleich viel und auch deshalb bemerkenswert, weil in früheren Zeiten eine Rezession in den USA zu einem verminderten Immigrationsdruck geführt hatte. Dies war beim zugegebenermassen eher kleinen Einbruch 2001/02 nicht der Fall. Selbst bei schwierigen Arbeitsmarktbedingungen wirkte das grosse Gefälle der Einkommensmöglichkeiten zwischen den USA und den Herkunftsländern der Einwanderer als Magnet. Die Zahl der im Ausland geborenen Bewohner der USA erreichte 2004 (März) gut 34 Mio. Dies ist nicht nur ein absoluter Rekord, mit 11,9% ist es auch der höchste Anteil an der Gesamtbevölkerung seit rund 80 Jahren. In einzelnen Gliedstaaten ist die Quote der im Ausland Geborenen viel höher, beispielsweise in Kalifornien mit 27% und in Texas mit 20,3%.

Immigranten drücken auf die Löhne

Nicht nur die grosse Zahl der Einwanderer hat das Problembewusstsein erhöht, sondern auch die Tatsache, dass in den letzten Jahren die Reallöhne in den USA stagniert haben. Das ist in den Branchen, welche dem Importdruck ausgesetzt sind, wohl auf die Globalisierung zurückzuführen, in den von der Auslandkonkurrenz nicht berührten Bereichen dagegen auf das reichliche, durch die Immigranten zusätzlich gespeiste Arbeitsangebot. Dieser Effekt ist schwierig zu beziffern, und für die letzten paar Jahre gibt es keine Schätzungen darüber. Eine Untersuchung über den Zeitraum von 1980 bis 2000 ist aber zum Schluss gekommen, dass der Wettbewerb durch Immigranten zu einem verlangsamten Zuwachs der realen Löhne geführt hat. Insgesamt wird der relative Verlust über 20 Jahre auf 4% veranschlagt, wobei die in den USA geborenen Hispanics sowie die Schwarzen am stärksten unter dieser Konkurrenz litten, Asiaten und Weisse am wenigsten. Besonders betroffen (-7,4%) waren die Arbeiter mit einer abgebrochenen Schulbildung. Solange dieses Phänomen lediglich zu einer abgeschwächten Zunahme der Löhne führte, hat es die Betroffenen wohl weniger gestört. Jetzt, da die unteren Einkommensschichten eher mit einem realen Rückgang konfrontiert sind, ist die Unzufriedenheit darüber grösser, und es wird intensiver nach den Gründen dafür gesucht.

Vorteile vor allem für Reiche vermutet

Was für einzelne Bevölkerungsschichten negativ ist, muss nicht auch für die Volkswirtschaft als Ganzes schädlich sein. Eine Argumentation geht etwa dahin, dass der Lohndruck zu einer geringeren Inflation, damit zu tieferen Zinssätzen und schliesslich zu höherem gesamtwirtschaftlichem Wachstum führe. Dies wird kaum bestritten, doch wird dem entgegengehalten, dass vor allem die Arbeitgeber davon profitierten. Ganz generell werden von Einwanderungsgegnern die Frage der Einkommensverteilung und das Problem der Einwanderung oft miteinander vermengt. In diesem Zusammenhang wird pauschal der Vorwurf erhoben, die Immigranten nützten vor allem den Reichen, die damit weniger für ihre Kindermädchen, Putzfrauen und Gärtner zu bezahlen hätten. Ein Gegenargument dazu lautet, dass Einwanderer oft Tätigkeiten ausüben, welche die im Land selbst Geborenen nicht übernehmen würden, und damit niemanden verdrängen. Doch auch diese Aussage ist nicht unbestritten; selbst in Berufen mit dem höchsten Anteil an ausländischen Arbeitskräften überwiegt die Zahl der Einheimischen bei weitem.

Auf etwas festerem Grund steht man bei der Frage, ob die Einwanderer die Staatskasse belasten oder entlasten. Untersuchungen dazu kommen zum Schluss, dass zumindest kurzfristig netto eine Belastung resultiert. Die bezahlten Steuern sind relativ gering, weil die Einwanderer oft wenig verdienen. Sie «konsumieren» dagegen Infrastruktur und erhalten auch Geld oder andere Leistungen (zum Beispiel vom Gesundheitswesen) vom Staat, meist von den Gliedstaaten oder den Städten und Gemeinden. Das gilt selbst für die illegal im Land Befindlichen, vorab weil deren in den USA geborene Kinder automatisch das amerikanische Bürgerrecht erhalten und entsprechend auch Anspruch auf staatliche Leistungen haben. Insgesamt ist der implizite Mitteltransfer von den Einheimischen zu den Einwanderern gering. Er wird in einem Buch des Institute for International Economics auf 0,2% bis 0,25% des Bruttoinlandproduktes veranschlagt. Allerdings liegen die Zahlen in einzelnen Gliedstaaten erheblich höher. In einer Untersuchung in Kalifornien Mitte der neunziger Jahre wurde die Belastung der einheimischen Haushalte durch staatliche Mehrausgaben auf 2% ihres Einkommens geschätzt, während ein Einwanderer-Haushalt im Umfang von 9% seines Einkommens profitierte.

Schlecht ausgebildet, aber dynamisch

Dass viele Immigranten wenig verdienen und folglich auch wenig Steuern zahlen, ist eine Folge ihrer mangelnden (Aus-)Bildung. Damit sind aber auch die Chancen gering, dass sie in den USA in grosser Zahl wirtschaftlich erfolgreich sein werden, selbst wenn sie fleissig sind. Auch in früheren Zeiten kamen viele Einwanderer nach Amerika, die nicht viel mehr als ihrer Hände Arbeit mit sich brachten. Doch was in Zeiten der Agrarwirtschaft und des Wachstums der Industrie durchaus genügte, ist heute, da Wissen gefragt ist, zu wenig. Und die Nachkommen armer und ungebildeter Eltern sind ihrerseits vielfach ungebildet und arm.

Dem steht der ebenso nicht quantifizierbare wie unbestrittene Vorteil gegenüber, dass Einwanderer in der Regel dynamischer und risikofreudiger sind als Eingesessene, denen die Besitzstandwahrung oft näher liegt als eigene Anstrengung. Hier tut zusätzlicher Wettbewerb zweifellos gut. Und die dadurch ausgelösten Folgeeffekte der Immigration könnten die auf den ersten Blick eher negative wirtschaftliche Bilanz der Einwanderung leicht neutralisieren oder gar überkompensieren. Auf Dollar und Cent beweisen kann man das nicht. Die im Titel gestellte Frage kann daher kaum verlässlich beantwortet werden.

NZZ 15.4.2005

 

15.04.06 12:03

51341 Postings, 7841 Tage eckiNobelpreisträger USA mit Migrationshintergrund

Ich hatte vor Jahren mal einen Artikel gelesen, das über die Hälfte der eingeheimsten US-Nobelpreise der letzten x Jahre nicht von gebürtigen Amerikanern erreicht wurden.

Offensichtlich haben die USA es geschafft den Leistungswilligen die Chancen und ein Umfeld zu bieten. Und dann sind sie auch Stolz auf einen US-Bürger chinesischer oder koreanischer Herkunft.....

Und bei uns wird gegen den hier geborenen Owomoyela plakatiert, der eine deutsche Mutter hat......

Grüße
ecki  

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