Neuheiten? Torheiten!

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HANDY-TECHNIK

Neuheiten? Torheiten!

Von Michael Stein

Seit 15 Jahren trägt SPIEGEL-ONLINE-Autor Michael Stein Handys mit sich herum. Doch der Early Adopter, der früher jede Novität haben musste, hat sich zum Skeptiker gewandelt: Kein Wunder - die meisten Entwicklungen gehen an unseren Bedürfnissen vorbei.


Ich bin enttäuscht. Ziemlich endgültig. Mein Handy benutze ich inzwischen nur noch äußerst selten - meistens auf Messen oder im Ausland. Und dabei hatte alles so schön angefangen, denn ich war einmal ein Mobilfunk-Freak.

Mein erstes "Handy" war ein Gerät, das Kollegen damals liebevoll als "Sprechbrikett" bezeichneten: Das Mobiltelefon "Telekom Pocky" funkte im analogen C-Netz, es hatte eine Abknick-Antenne, war groß, schwer, unhandlich und die Sprachqualität war eine Katastrophe. Aber: Ich nahm das Gerät überall mit hin - das Netzteil immer im Gepäck, weil der Saft auch schon einmal plötzlich und ruckartig ausgehen konnte. Wenn ich auf der Cebit damit telefonieren wollte, hatte ich in aller Regel keinen Empfang, und die Besucher beobachteten mich dabei wie einen Außerirdischen.

Telefonzelle

Weil es praktisch unmöglich war, im Auto mit einer Hand ein Brikett zu stemmen und mit der anderen das Fahrzeug zu bedienen, tauschte ich das Pocky gegen ein mit Elektronik vollgestopftes Köfferchen vom Typ "AEG Telecar CD". Zugegeben, der Koffer mit angeflanschtem Hörer wog etwa so viel wie eine fette Hauskatze und war auch nicht eben handlich. Dafür hatte er gleich zwei Vorteile: Das Telefon ließ sich ins Auto einbauen und es gab die Verheißung, durch ein Zuatzmodul zukünftig auf das in Entwicklung befindliche, digitale D-Netz aufsteigen zu können. Dazu sollte es freilich nie kommen. Der Empfang auf der Cebit war katastrophal und die Besucher hielten mich für einen Agenten, der mit einem Telefonhörer telefonierte, der an ein Aktenköfferchen angeschlossen war.

Stückwerk

Das Motorola 3200 (der "Knochen") war mein erstes Telefon für das digitale D-Netz. Nur wenige Wochen nannte ich es mein Eigen - an die Motorola eigene Philosophie der Benutzerverführung konnte ich mich bis heute nicht gewöhnen. "Rauschfreie, digitale Sprachqualität" versprachen die Netzbetreiber damals. Zugegeben, das fürs C-Netz typische Rauschen war passé, wurde aber gegen verbalen, digitalen Hackepeter ersetzt. Auch in den ersten Monaten mit meinem neuen Nokia 2210 war das nicht anders.

Aber: Der Handy-Klassiker konnte damals, im Jahr 1994, eigentlich alles, was ich auch heute noch von meinem Handy erwarte: Wenn jemand anrief, klingelte es, und ich konnte mit meinem Anrufer sprechen. Ich konnte selber Anrufe damit einleiten und ich konnte SMS-Nachrichten verschicken und empfangen. Auf der Cebit wurde ich als "Wichtigtuer" belächelt, wenn ich im Eingang vor einer Halle versuchte, zu telefonieren. Die Kolleginnen und Kollegen der Messe-Redaktion vom NDR besuchten mich regelmäßig in meinem Büro, um sich das mobile Wundertelefon einmal anzusehen.

E-Mail per Handy



Völlig nutzlos, aber noch immer käuflich zu erwerben: Das "Telekom Pocky" (hier bei Kraus-Elektronik.de)
Zwölf Jahre und einige Handys später ist alles ganz anders geworden. Auf der Cebit fällt nur noch der auf, der kein Handy am Ohr hat oder plötzlich scheinbar unmotiviert zu sprechen beginnt, weil der Bluetooth-Bügel am Ohr plötzlich Gesprächsbedarf eines Mitmenschen signalisiert. Was aber tun die Menschen mit ihren Handys? Sie telefonieren, so wie 1994 auch.

Und sie schicken SMS-Nachrichten, so wie 1994. In meinem Bekanntenkreis weiß niemand, was eine MMS ist oder wie man eine E-Mail per Handy abruft. Der Bedarf dazu tendiert aber auch gegen Null. Zugegeben, vor allem auf Hightech-Messen sieht man immer mal wieder einen Zeitgenossen, der mit seinem Gerät, das fast schon wieder an ein 2210 von damals erinnert, seine E-Mails abruft. Aber sonst?

Flops in Serie

Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal im "Portal" ihres Netzbetreibers, seien es nun die "T-Zones" oder "Vodafone Live!"? Ich war dort vor ein paar Wochen - aus Versehen, weil ich beim Herausnehmen meines Handys zum wiederholten Mal an die werksseitig programmierte Taste zum Aufrufen des WAP-Portals gekommen war.

Apropos "WAP". Mit diesem vollmundig als "Internet im Handy" angekündigten Flop wollten uns Geräte-Hersteller und Netzbetreiber doch tatsächlich weismachen, man könne damit im Netz surfen, obwohl Display-Größe, Vebindungsgeschwindigkeit und Benutzerführung von Anfang an dagegen sprachen. Es sollten noch MMS, Videofilm-Download, Videotelefonie und nun Handy-TV folgen. Technisch ausgereift und wirklich sinnvoll nutzbar sind die genannten Technologien eigentlich bis heute nicht.

Ganz abgesehen davon, dass mich allmählich das Gefühl beschleicht, als würden Netzbetreiber und Gerätehersteller vor Einführung einer neuen Technik weder die Technik selbst zu Ende entwickeln, noch die Wünsche ihrer potenziellen Kunden ermitteln. Oftmals wirkt es sogar so, als würden die Unternehmen eine neue Technik gegen den Willen der Nutzer in den Markt drücken wollen. Anders ist die Flop-Serie in der Mobilfunk-Branche eigentlich kaum noch zu erklären.

Gutes Telefon

Ich benutze jetzt seit ein paar Jahren ein T610 von Sony Ericsson, obwohl ich als Technik-Interessierter immer wieder die neusten Modelle zum Testen in den Fingern habe. Ein kurzes Intermezzo verband mich zwei Wochen mit einem "Razr V3" von Motorola. Die Benutzerführung hatte sich zwar verändert, sie war aber immer noch genauso unlogisch wie damals beim Knochen.

gruß Maxp.  

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