Nackt auf der Straße des Friedens

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eröffnet am: 08.04.06 10:34 von: bammie Anzahl Beiträge: 1
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8970 Postings, 6649 Tage bammieNackt auf der Straße des Friedens

Von Ellen Deng

Li Suolun, ein 26-jähriger Student, ist nackt durch Peking gerannt, um sein Buch zu promoten - eine Aktion, die die chinesische Öffentlichkeit zutiefst spaltet. Während Konservativen über den "Schmutz" schimpfen, machen auch andere junge Chinesen Business mit ihrem Körper.

Um 12 Uhr mittags tritt Li Suolun nackt aus der Pekinger U-Bahn-Station Xidan und hält ein rotes Banner hoch mit seinem Namen und dem wegweisenden Titel seines Buchs: "Weder dies noch das". Dann geht er im Adamskostüm über die Straße des ewigen Friedens bis zum Xidan-Buchladen, wo er sich wieder anzieht. Zehn Minuten war er nackt, aber das reicht für die Polizei, ihn festzunehmen. Zwei Wochen vorher strippte er schon in der Innenstadt von Changsha, der Hauptstadt von Maos Heimatprovinz Hunan.

Der 26-jährige Li kommt aus der inneren Mongolei. Er wirkt schüchtern und spröde, trotz seines für China unglaublichen Akts. Sein Wirtschaftsstudium hat er abgebrochen, "unser Erziehungssystem ist schlecht, da wollte ich nicht mehr mitmachen". Dann schrieb er sein Buch, aber kein Verlag will es veröffentlichen. Das wundert ihn, denn dass Thema, "wie lerne ich mich selbst kennen", müsste doch eigentlich jeden interessieren, meint er - insbesondere auch das Kapitel über Universitätsstudentinnen, die sich prostituieren. Die Schwierigkeiten mit den Verlagen brachten ihn auf die ungewöhnliche Promotion-Idee. So ist er bekannt geworden. Mittlerweile sagt er: "Nackt durch Peking zu laufen und mein Buch sind zwei verschiedene Dinge. Und die Nackheit ist jetzt sogar wichtiger für mich." Li spricht langsam und in einem friedlichen Ton. Er klingt wie ein Mensch, der viel nachdenkt.
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Schande! Schmutzig!
Wie zu erwarten war, sind Lis zwei Nacktauftritte ein heißes Thema in China geworden. Das Reich der Mitte war bisher eher konservativ. Die Befürworter sagen: Der Körper an sich ist schön und rein, also ist es kein Verbrechen, sich auszuziehen, solange man nicht anderen Schaden zufügt. Einige ermutigen Li, nennen ihn einen "Krieger gegen die alten Sitten", würden aber selbst nicht nackt auftreten. Zu ihnen gehört auch seine Freundin: "Ich unterstütze ihn und begleite ihn, wenn er durch die Straßen flitzt. Aber ich bleibe dabei angezogen." Die Gegner melden sich ebenfalls lautstark zu Wort. Zhou Xiaozheng, ein bekannter Ethik-Professor von der Pekinger Volksuniversität, traf während der Fernsehsendung "Tiger-Talk" auf Li Suolun. Mehrmals rief der Professor laut dazwischen, darunter Wörter wie "Schande" und "schmutzig". Er meint, Li erschüttere die Grundlagen der chinesischen Moral: "Ich habe keine Einwände dagegen, wenn jemand zu Hause nackt ist, zum Beispiel unter der Dusche. Aber nackt in der Öffentlichkeit aufzutreten, ist abnormal, eine visuelle Umweltverschmutzung. Es verdirbt die minderjährigen Kinder."

In chinesischen Internetforen schreiben viele, dass sie Nacktheit akzeptieren, es aber eklig finden, wenn einer so etwas nur macht, um ein Business zu promoten: "Warum nutzt er nicht zivilisierte Mittel, um seinen Traum zu verwirklichen?" "Das ist Exhibitionismus mit Hilfe der Medien!" In der TV-Talkshow riefen Studiogäste "häßlich", als sie die Nacktbilder von Li Suolun sahen. Ein in der gleichen Sendung gezeigtes Gemälde fanden sie aber "schön": Darauf reitet eine Gräfin nackt auf einem Pferd, um den Armen zu helfen, die keine Steuer bezahlen können.
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"Grünäugiger Bambusschatten"
China öffnet sich zunehmend für Sex und Körperlichkeit. Das liegt auch am Internet. Dort wurden einige Normalmenschen über Nacht berühmt, in dem sie einen speziellen Weg wählten, um oft angeklickt zu werden. "Den eigenen Körper geschickt nutzen" ist im immer kommerzielleren China zu einem neuen Motto geworden. Die studierte Philosophin Mu Zimei schrieb ein Tagebuch über ihre One-Night-Stands und stellte es ins Netz. "Miss Rowdy Schwan" und "Grünäugiger Bambusschatten", zwei andere Internetautorinnen, präsentieren sich in aufreizenden Posen. Die Website "Ende der Welt", die ihre Fotos veröffentlichte, brach wegen der hohen Klickrate zusammen.

Aber es gibt auch Opfer. Chen Yi, eine Studentin aus der Stadt Chongqing, bat im Internet um Hilfe für ihre schwer leberkranke Mutter und schrieb dort: "Ich verkaufe meinen Körper an jeden, der meine Familie rettet." Viele bekamen Mitleid und spendeten Geld, ohne die angebotene Gegenleistung einzufordern. Aber andere Nutzer zweifelten an Chens ehrlichen Absichten und fragten ihre Nachbarn über sie aus. Mittlerweile ist die Mutter gestorben und Chen hat die Hochschule verlassen wegen des großen Drucks, dem sie plötzlich ausgesetzt war.

Li Suolun dagegen freut sich über den Rummel um seine Person: "Ich war glücklich, als ich mein Buch zu Ende geschrieben habe, und ich bin noch glücklicher, seit ich nackt war." Wenn er das sagt, lächelt er wie ein gläubiger Buddhist. Am Ende der TV-Talkshow deklamierte Li: "Unser Körper ist unschuldig. Deshalb zeige ich ihn gern anderen." Ethikprofessor Zhou schüttelte ihm freundlich die Hand, sagte dann aber mit lauter Stimme: "Ja, der Körper ist unschuldig. Aber nackt auf die Straße zu gehen, das ist unverzeihlich!"

stern.de  
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