Mutige Börsenwette aufs Glücksspiel-Geschäft

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Beobachter warnen vor überzogener "Wachstumsphantasie"


Mutige Börsenwette aufs Glücksspiel-Geschäft


Von Stefanie Schulte, Handelsblatt.com


Die Zeichen, dass Gerichte die staatlichen Wettmonopole in der EU bald zu Fall bringen könnten, verdichten sich. Private Wettanbieter, die sich in Deutschland bisher auf Marktnischen beschränken mussten, könnten dann aufs große Geschäft hoffen. An den Börsen wetten Anleger bereits seit Monaten auf diese Chance. Dadurch sind die Aktien vieler Wettunternehmen so schnell gestiegen wie einst die Boomwerte der New Economy. Inzwischen mehren sich daher Warnungen vor überzogener „Wachstumsphantasie“.

 


HB DÜSSELDORF. Die Aktie des deutschen Lotto-Dienstleisters Fluxx.com ist in weniger als einem Jahr am Frankfurter Parketthandel von 2,31 Euro auf 10,70 Euro gestiegen. Mit einem Börsenwert von jetzt 119 Mill. Euro hat es der ehemalige Börsenzwerg Ende März sogar ins Kleinwertesegment SDax geschafft, wo sich so bekannte Namen wie der Baufinanzierer BHW oder der Autovermieter Sixt tummeln.

Der kleine deutsche Wettanbieter Sportwetten.de notiert bei 2,87 Euro, das Vierfache des Kurses von Dezember 2004. Noch rasanter verlief der Aufstieg des milliardenschweren österreichischen Wettkonzerns Betandwin. Er legte seit November um das Sechsfache auf heute 117,40 Euro zu.

Jochen Reichert, Analyst bei SES Research, macht für die Kurssprünge vor allem die Diskussion um das staatliche Sportwetten-Monopol verantwortlich. Vor einigen Tagen hatte das Bundesverfassungsgericht Versuchen der Länder, privaten Wettbüros die Vermittlung von Sportwetten zu verbieten, vorerst einen Riegel vorgeschoben. Bereits seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem Jahr 2003 ist fraglich, ob das Verbot privater Sportwetten europarechtlich Bestand hat. Experten erwarten für den Sommer die Öffnung des Marktes für private Buchmacher und Wettanbieter.

Vergangene Woche kündigte bereits der Deutsche Fußball-Bund (DFB) an, ein eigenes Wettangebot zu konzipieren, sobald die Marktöffnung legalisiert sei. Derzeit wird der deutsche Sportwettenmarkt auf 1,5 Mrd. Euro geschätzt. Oddset setzt davon rund 450 Mill. Euro um. Auch die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland habe im Markt die Hoffnung auf wachsendes Wettgeschäft beflügelt, sagte Reichert.

Die Wett- und Spielmanipulationsaffäre um den Schiedsrichter Robert Hoyzer habe Anfang des Jahres den Blick der Anleger zusätzlich auf die boomende Wettbranche gelenkt. Die betrügerischen Wettgewinne in der Schiedsrichteraffäre waren über die Plattform des staatlichen Anbieters Oddset erzielt worden. Das habe die Diskussion um den Sinn staatlicher Wettmonopole angefacht.



Bei Fluxx.com, das bisher nur einen kleinen Teil seiner Umsätze mit Sportwetten erzielt, kletterte der Aktienkurs darüber hinaus Anfang April nach dem Einstieg in den stationären Lottovertrieb gemeinsam mit der Supermarktkette Edeka. Fluxx stellt bei Edeka Terminals auf, an denen Lottoscheine ausgefüllt werden können. In den vergangenen Wochen legten die Titel um gut 50 Prozent zu. Die sehr „bullishen“ Empfehlungen einiger Börsenbriefe hätten den Titeln zusätzlich Auftrieb verliehen, berichten Beobachter.

Als fairen Wert für Fluxx.com nannte SES-Analyst Reichert in einer Studie von Anfang April bei 6,30 Euro, knapp 70 Prozent weniger als der derzeitige Kurs. Derzeit arbeite er an einer Neubewertung der Aktie. „Fest steht aber, dass im aktuellen Kurs sehr viel Wachstumsphantasie eingepreist ist“. Um diesen Wert zu rechtfertigen, müsse das Unternehmen in den kommenden Jahren seinen Anteil am bundesweiten Lottogeschäft von derzeit 1 auf 8 bis 10 Prozent steigern. Obwohl der Einstieg in den Stationärvertrieb zu deutlichen Marktanteilgewinnen führen werde, sei dieses Ziel sehr anspruchsvoll, meint Reichert.

Optimistischer ist Analyst Konrad Sveceny von der Erste Bank, dem Spitzeninstitut der österreichischen Sparkassen, für die Aktie von Betandwin. Er sieht das Kursziel bei 150 Euro, 28 Prozent mehr als der aktuelle Kurs – obwohl das Unternehmen im vergangenen Jahr noch ein Minus von 12 Cent je Aktie eingefahren hat. „Derzeit belasten vor allem hohe Marketingkosten das Ergebnis“. Bereits 2005 werde der Gewinn 0,96 Euro je Aktie betragen, 2006 bereits 5,45 Euro, so Svecenys Prognose. Sehr viel hänge für den Gegenspieler des deutschen Staatsmonopolisten Oddset jedoch davon ab, ob der EU-Glücksspielmarkt wie erwartet liberalisiert wird.

Dass sich ein Investment in Wettaktien ähnlich nervenaufreibend entwickeln kann wie ein Pferderennen, haben Anleger von Betbull erlebt. Die österreichische Wettbörse war im September 2004 mit einem Kurs von 7 Euro an die Börse gegangen. Danach ging es abwärts bis auf 3 Euro, heute notiert die Aktie wieder bei rund 6 Euro.

Grund für den Kurssturz sei eine Neuausrichtung des Geschäfts gewesen. Ursprünglich habe Betbull eigene Internet-Wettprodukte für Endkunden geplant, nun konzentriere man sich auf die Zusammenarbeit mit Partnern, sagte Sveceny. Bisher kooperiere Betbull mit den Rennbahnen von München und Baden-Baden. Die Zukunft des Unternehmens hänge davon ab, ob es gelingen werde, weitere Kooperationspartner zu finden. Vorerst habe ein Investment in Betbull eher den Charakter von Venture Capital, sagte der Analyst.
 

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