Moderne Mythen

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neuester Beitrag: 27.07.11 20:32
eröffnet am: 24.07.11 12:47 von: vega2000 Anzahl Beiträge: 11
neuester Beitrag: 27.07.11 20:32 von: 007Bond Leser gesamt: 338
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bewertet mit 7 Sternen

24.07.11 12:47
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Clubmitglied, 46472 Postings, 7582 Tage vega2000Moderne Mythen

http://www.stilstand.de/moderne-mythen/

 

 

Moderne Mythen

 

In den Foren von ‘Spiegel’,  ‘Tagesspiegel’, ‘Welt’ oder ‘Tagesanzeiger’ würden sich doch nur die  minderbemittelten und bildungsfernen Kleinbürger austoben – daran  glaubte auch ich lange Zeit. Seit einigen Wochen jedoch begebe ich mich  des öfteren in diese Güllegruben hinab, weil mir diese These zunehmend  fragwürdig erscheint, weil ich es zudem soziologisch hochinteressant  finde, wer oder was sich dort artikuliert. Natürlich sind die Argumente  dort krank wie immer, alle Indizien deuten aber darauf hin, dass die  Kotze, die dort manchmal meterhoch durch die Gänge schwappt, keineswegs  von den Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft stammt, von den  Zu-kurz-Gekommenen und notorischen Nichtwählern, sondern durchaus auch  von Privilegierten, die ihre Pfründen, aus welchen obskuren Gründen auch  immer, von ‘Marxisten’, ‘Islamisten’ und generell  ‘Multikulti-Ausländerfreunden’ bedroht wähnen. Und das, obwohl Europa  nahezu flächendeckend von Rechtsregierungen und rechten Medien dominiert  wird. Kurzum: Der Massenmörder von Oslo ist ihres Geistes Kind. Nehmen  wir diese Beispiele aus dem zutiefst bourgeoisen und  bildungsbürgerlichen Schweizer ‘Tagesanzeiger’, einem Land, wo Blochers  SVP immer neue Triumphe feiert:

“Es  ist unendlich traurig, dass junge Menschen mit ihrem Leben für die  verfehlte Politik der heutigen “Eliten” in Europa bezahlen mussten.  Solche Exzesse sind aber nur möglich, weil Europa seit Jahrzehnten eine  Politik gegen die eigene Bevölkerung macht. Schuld sind nicht  diejenigen, die das thematisieren, sondern jene, die diese falsche  Politik betreiben! Mein Beileid an die Angehörigen.”

Die Grammatik sitzt, die Orthographie steht wie eine Eins, die  Krokodilstränen fließen – das Dreiwetter-Taft der Ideologie zeigt sich  unbeeindruckt: Der Täter hatte demnach nicht mehr selbst die Schusswaffe  in die Hand, in Wahrheit wurden die Jugendlichen auf dieser Insel von  einer “verfehlten Politik unserer Eliten” hingemetzelt. Eine solche  ideologische Verkehrung der Fakten vollzieht sich keineswegs auf dürrem  intellektuellen Grund, zu solchen dialektischen Wendungen ist mindestens  die Intelligenz eines durchschnittlichen PR-Beraters vonnöten. Mit  anderen Worten: Hier spricht sich eine akademische Bildung aus.

Auch die Person des Massenmörders deutet ja nicht auf die beruhigende  These eines irrlichternden Einzeltäters hin. Der Mann war hochgebildet,  war Führungsfunktionär einer Rechtspartei, las Immanuel Kant und John  Stuart Mill, und er war in der Lage, 1.500 Seiten eines mehr oder minder kohärenten Textes  auf die Reihe zu bringen. Für mich zählt er zum Lager der (nicht mehr  ganz so) ‘neuen Rechten’, die sich überall in Europa formiert, jene  Fraktion, die sich in einer Welt voll Teufel wähnt und Carl Schmitt und  Ernst Jünger studiert, um dann die ‘Propaganda der Tat’ zu  glorifizieren, den umfassenden Schrecken, um eine demokratisch  eingelullerte Herde endlich wachzurütteln. Ein Einzeltäter war er nur in  dem Sinne, wie auch die Rathenau-Mörder ‘Einzeltäter’ waren, das  Einzeltätertum, die ‘Stoßtrupp-Ideologie’, ist in der rechten Szene Teil  der Strategie (1). Wer das nicht sehen will, der glaubt wohl noch, dass  auch der Nationalsozialismus eine ‘kleinbürgerliche Bewegung’ gewesen  sei, obwohl doch der ganze Personalstamm bspw. des Reichssicherheitshauptamtes,  der Exekutive des Führerstaates also, aus hochgebildeten jungen  Einser-Juristen bestand. Weiter im Text mit der argumentativen  Schuldlastumkehr:

“Die  Tat ist religiös motiviert und nicht politisch. Es passiert vermutlich  genau das, was durch die islamische Einwanderung provoziert wird.  Fundamentalistische Christen wehren sich gegen die Islamisierung  Europas, weil die Politik versagt. Genau das, was niemand will, denn  dann haben wir den nächsten Religionskrieg in Europa.”

Genau – unverhüllte Sehnsucht nach einem Religionskrieg unter  klerikal Bekloppten. Und es wäre doch gelacht, wenn wir den Islamisten  nicht auch hierfür die Schuld in die Schuhe schieben könnten, und sei es  um drei Ecken – auffällig ist mal wieder die gestochene Diktion: Weil  die Multi-Kulti-Truppen der marxistischen Volksparteien den Islamisten  Tür und Tor öffnen, deswegen ist es zwar (noch) nicht zu rechtfertigen,  wohl aber verständlich, wenn ein fundamentalistischer Christ sich  dagegen zur Wehr setzt, indem er – Logik adé! – reihenweise Christen  abmackelt. Angesichts des überdimensionalen Feindbildes, wie es von SVP,  Wilders, PI und anderen tagtäglich zum Dämon aufgeblasen wird, zählen  Realität und Empirie nichts mehr. So lebt bspw. der letzte europäische  ‘Marxist’ meines Wissens in Minsk und er heißt Lukaschenko.

Es ist in meinen Augen eine weiße Führungskaste, die sich durch  Globalisierung, Europäisierung und Migration in ihren Privilegien  bedroht sieht … ein akademisch gebildetes Bürgertum, das sich in den  Foren ausspricht und seinem Popanz Zucker gibt. Es ist der  radikalisierte Mittelstand, der dort randaliert.

(1) “Ein  Einzeltäter betreibt quasi einen “führerlosen Widerstand”, wie es im  Handbuch der international tätigen, rechtsmilitanten Gruppierung “Blood  & Honour” als Strategiepapier aufgeführt wird.”  

Tags: Bildungsbürgertum, Forum, neue Rechte, radikaler Mittelstand

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Verschiebe nicht auf morgen, was genausogut auf übermorgen verschoben werden kann.

24.07.11 12:50
1

747 Postings, 3620 Tage Ups...Was gehts uns an?

Der meint doch die "...?Spiegel?,  ?Tagesspiegel?, ?Welt? oder ?Tagesanzeiger? ..."-Foren.

Muss man ja nicht hingehen, wenn man Qualität liebt.























:o)))  

27.07.11 15:41
3

33953 Postings, 7593 Tage DarkKnightDanke. Man muss sich das wirkich 2mal durchlesen

um drauf zu kommen, was es in der Konsequenz heißt:


- Religionsfreiheit bedroht über den Islam unsere Freiheit
- fehlende Überwachung eröffnet Terror-Potentiale
- links-liberale Regierungen erzeugen rechten Terror

Hier und da wird schon an versch. Stellen diese schräge Argumentation aufgenommen. Es ist der Beweis m.E. für das immer wieder gleiche Phänomen:

in einer ständig komplizierter werdenden welt gibt es ein Urbedürfnis nach einfachen Erklärungen/Lösungen. Am Ende steht nur die Entscheidung "Gut versus Böse".

Was wir aktuell erleben, ist der Versuch, das "Böse" zu definieren. Dazu gehören seit Jahren schon der Islam, die Linken, die Freiheit, die sozial Schwachen und was weiß ich sonst noch.

Der nächste Schritt wäre dann wohl, das "Böse" zu bekämpfen, wie vor 80 Jahren die Juden und MArxisten, die damals als das Übel identifiziert wurden.  

27.07.11 15:55
2

Clubmitglied, 46472 Postings, 7582 Tage vega2000Rassismus & Hass gegen Minderheiten

zu schüren liegt außerhalb der gesellschaftlich tolerierbaren Meinungspluralität. Das hat nichts mit Denkverboten zu tun, sondern ist Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.
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Verschiebe nicht auf morgen, was genausogut auf übermorgen verschoben werden kann.

27.07.11 16:09

24273 Postings, 7825 Tage 007BondZunächst muss man sich fragen,

wo zunächst Rassismus anfängt. Das Grundgesetz sagt "alle Menschen sind gleich" - prima, schön, dass es dort geschrieben steht. Die in der Gesellschaft gelebte Wirklichkeit ist aber eine andere - so ist das beispielsweise auch schon bei der Bezahlung von Gehältern - warum erhält Person A mehr oder weniger Gehalt als Person B - trotz gleicher Arbeitsleistung? Wo stehen die Grenzen zum Rassismus?

Eigentlich wäre sogar Zeitarbeit (sofern diese Arbeitnehmer weniger Gehalt erhielten als ihre Arbeitskollegen, die beim Auftraggeber fest angestellt sind) vom Pinzip her von Rassismus geprägt!  Oder, ein anderes Beispiel, warum verdienen Frauen - trotz gleicher Stellenbeschreibung und Arbeitsleistung -  i. d. R. weniger als Männer?  

27.07.11 16:18
1

Clubmitglied, 46472 Postings, 7582 Tage vega2000Ähem,

also DAS ist mit der Aussage im Grundgesetz nicht gemeint.

Das, was Du beschreibst, sind die Nebenwirkungen des allseits gepriesenen Kapitalismus.

Das GG schreibt alle Menschen sind gleich & nicht alle Deutschen sind gleich, es widerspricht also den z. Zt. gängigen Tendenzen der Medien & Teilen der Bevölkerung andersartige Mitbürger auszuschliessen.
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Verschiebe nicht auf morgen, was genausogut auf übermorgen verschoben werden kann.

27.07.11 17:08

24273 Postings, 7825 Tage 007Bond@Vega

Wer das Grundgesetz gelesen hat, versteht genau das!

Sorry, als Insider bzw. ehemaliger Jurist .. das von mir genannte Beispiel hat damals sogar mein Prof. an der Uni in der Vorlesung genau so gesagt!

Vom Prinzip her dürfe es sogar keine Unterschiede des Gehalts bezüglich der Qualifikation geben, wenn die Arbeitsleistung gleich wäre ....  

27.07.11 17:18

24273 Postings, 7825 Tage 007BondErgänzend zum Einwand "Kapialismus"

möchte ich wie folgt ergänzen:

Sofern Kostenrisiken infolge einer möglichen Schwangerschaft der Grund für Gehaltunterschiede sein sollte - müsste doch demnach bei unfruchtbaren Frauen und Frauen, die nicht mehr im gebährfähigen Alter sind, der Gehaltsunterschiede gegenüber dem männlichen Geschlecht wieder ausgeglichen sein? Das sind sie aber nicht!  

27.07.11 18:22
1

Clubmitglied, 46472 Postings, 7582 Tage vega2000@Bond007

Dann sollten Du & Dein Prof. sich das GG mal genauer durchlesen:
Auszug:

Wortlaut des Artikel 1 GG

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

http://de.wikipedia.org/wiki/...C3%BCr_die_Bundesrepublik_Deutschland
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27.07.11 20:29

24273 Postings, 7825 Tage 007Bond@Vega

tja, wer sich auf Wikipedia als Quelle verlässt ...

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Quelle:

http://www.bundestag.de/dokumente/...rundlagen/grundgesetz/gg_01.html  

27.07.11 20:32

24273 Postings, 7825 Tage 007BondPS Vega: Nimm's nicht persönlich

Einen schönen Abend noch! ;-)  

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