Märkte: Auftakt zum Milliardenspiel

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ftd.de, Do, 23.5.2002, 2:00  
Märkte: Auftakt zum Milliardenspiel
Von Sven Scheffler

Ab 24. Juni stellt die Börse ihre Indizes auf Free Float um. Wetten auf die neue Indexordnung sind riskant.

In die Indizes am deutschen Aktienmarkt kommt Bewegung: Ab Sommer mischt die Deutsche Börse die Machtverhältnisse in den Börsenbarometern neu. Die Marktkapitalisierung (Börsenwert) der in den Indizes enthaltenen Unternehmen wird künftig nur nach den frei an der Börse handelbaren Aktien, dem so genannten Streubesitz (Free Float), berechnet - und nicht mehr nach der Gesamtzahl der Papiere. Liegen mehr als fünf Prozent in einer Hand, gilt dieses Paket als Festbesitz. Für Nemax 50 und SDax ist am 24. Juni Stichtag für das große Milliardenspiel, Dax und MDax folgen am 23. September.

Was zunächst wenig spektakulär klingt, hat es in sich: Zahlreiche Aktienfonds orientieren sich an der Zusammensetzung von Indizes. Ein reduziertes Gewicht führt damit geradezu zwangsläufig zu Verkäufen und drückt auf den Kurs. Entsprechend kursfördernd ist eine stärkere Gewichtung oder Neuaufnahme.


So hat die Aufnahme des Konsumgüterproduzenten Henkel in den Standard Germany-Index des Indexanbieters Morgan Stanley Capital International (MSCI) dem Kurs zu neuen Höhen verholfen. Seit der Ankündigung im letzten Herbst hat das Henkel-Papier fast 14 Prozent gewonnen. "Die Aufnahme oder höhere Gewichtung in einem Index ist von Vorteil für die Aktien und verschafft dem Wert mehr Aufmerksamkeit", sagt Sven Madsen, Analyst bei der BHF-Bank.



Verlierer France Telecom


Die Deutsche Börse folgt mit der Umstellung den großen Indexanbietern Dow Jones, FTSE und MSCI. Zuletzt hat der Indexanbieter MSCI Ende November 2001 seine Indizes nach Streubesitz gewichtet. Ein Blick auf die Umschichtungsgewinner und -verlierer beim MSCI zeigt, mit welchen Folgen Aktionäre rechnen müssen. So hat die France Telecom - deren Anteil am MSCI Europe halbiert wurde - seit dem 30. November nahezu 52 Prozent eingebüßt. Das US-Unternehmen Metlife, dessen Anteil sich im MSCI World auf 0,15 verfünffachte, konnte im selben Zeitraum gar 17 Prozent zulegen, während der Index selber um über vier Prozent verlor. Indexneuling Kraft Foods erlebte ein wahres Kursfeuerwerk: Der Börsenflaute zum Trotz legte die Nahrungsmittelaktie um über 21 Prozent zu.


Auch der Dax wird durch die Neugewichtung kräftig durcheinander gewirbelt. Neuer Spitzenwert des hiesigen Paradeindex wird Siemens sein. Nach dem Szenario, dass die WestLB nach Angaben der Deutschen Börse erstellt hat, wird die Aktie des Münchner Hightech-Konzerns mit über elf Prozent im Index vertreten sein. Gewinner der Umstellung sind die Unternehmen, deren Free-Float-Anteil besonders hoch ist. Wichtig ist nicht nur der absolute Anteil, sondern die prozentuale Veränderung: Neben Siemens (+ 29,4 Prozent) gewinnen auch die Deutsche Bank (+ 39,5 Prozent), Eon (+ 27,9 Prozent), Bayer (+ 31,3 Prozent), BASF (+27,1 Prozent), Lufthansa (+ 25,4 Prozent) und Adidas-Salomon (+ 39,5 Prozent) kräftig an Bedeutung.


Die Verlierer der Umstellung sind Degussa (- 50,5 Prozent), Volkswagen (- 28,9 Prozent), Deutsche Telekom (- 20,5 Prozent), Münchner Rück (- 21,2 Prozent), MAN (- 36,2 Prozent), Metro (- 39,8 Prozent) oder auch BMW (- 38,6 Prozent). Bei diesen Unternehmen liegt ein Großteil des Vermögens in einer Hand, bei BMW etwa bei der Familie Quandt, bei der Deutschen Telekom oder Volkswagen beim Bund beziehungsweise beim Land Niedersachsen.



Vorsichtige Anpassung


Bereits vor der offiziellen Umstellung schichten professionelle Investoren ihre Portfolios um. "Institutionelle nehmen die Anpassung nach und nach vor", sagt Patrick Reilly, Stratege bei UBS Warburg in London. Auf Gewinner lohnt es sich zu setzen: "Noch sind die Effekte auf die Aktienkurse nicht durchgeschlagen", sagt Reilly. Vor allem passive Fonds, die den Index eins zu eins nachbilden, würden erst die offizielle Umstellung abwarten. Zwar haben viele Fonds bereits gehandelt, da die Folgen der Umstellung bereits seit einigen Monaten absehbar sind. Dennoch: "Index-Tracker müssen zum 24. Juni ihre Portfolios umstellen", sagt Markus Schüller von der Fondsgesellschaft State Street Global. "Index-Fondsmanager, die vorher oder später ihre Mittel umschichten, gehen ein großes Risiko ein, vom Index abzuweichen."



Spannung beim Nemax 50


Spannend wird es auch beim Nemax 50. Die Schwergewichte des Technologieindex gewinnen noch an Bedeutung. So wird BB Biotech neben T-Online mit zehn Prozent Anteil das Segment anführen. Auch die Gewichtungen von Singulus (plus 51 Prozent), Pfeiffer Vacuum (plus 69,8), Medigene (plus 69,1) oder SCM Microsystems (plus 101,7) legen deutlich zu. Neben den Unternehmen, die den Index verlassen, wie Pixelpark, Broadvision und Trintech) verlieren die Online-Broker Comdirekt (minus 65,7) und Direktanlage Bank (minus 49,6) und auch T-Online (minus 35,8) erheblich an Gewicht.


Starke Kursbewegungen infolge der Portfolioumschichtungen erwartet auch Alexander Ineichen, Globaler Aktienstratege bei UBS Warburg: "Viele Anleger sind sich der Folgen der Index-Neumischung noch nicht richtig bewusst." Gleichwohl warnt der Experte, aktiv auf die Indexumstellung zu spekulieren. "Eine Anhebung der Gewichtung garantiert keine Kursgewinne. Indexentscheidungen sollten immer nur ein ergänzendes Anlagekriterium sein", sagt Ineichen.


Vielleicht können Anleger aber auf die Zukunft spekulieren. Besonders riesige Firmenkonglomerate wie Allianz oder Münchner Rück leiden unter den zahlreichen Überkreuz-Verflechtungen. Diese senken den Streubesitz und so die Gewichtung im Index. Experten erwarten vor diesem Hintergrund eine weitere Entflechtung. "Die Umstellung der Aktienindizes auf eine Free-Float-Berechnung wird zu einer stärkeren Entflechtung der Unternehmensportfolios beitragen", sagt Rüdiger von Rosen, Vorstand des Deutschen Aktieninstituts DAI. "Damit werden auch deutsche Unternehmen wieder größeres Gewicht in internationalen Indizes erhalten."


Tabelle unter: http://www.ftd.de/bm/ga/1014399104470.html?nv=hpm  

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