Leitartikel: Duisenbergs Dilemma

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26.04.01 00:57

9161 Postings, 8083 Tage hjw2Leitartikel: Duisenbergs Dilemma


Aus der FTD vom 26.4.2001

Die Europäische Währungsunion erlebt ihre erste Belastungsprobe.
Angesichts der unterschiedlichen Konjunkturentwicklungen in den Mitgliedsstaaten
ist ein offener Streit über das richtige Zinsniveau entbrannt.

EZB-Präsident Wim Duisenberg sieht sich vor dem G7-Treffen am
Wochenende überdies internationaler Kritik ausgesetzt: Die USA und der
Internationale Währungsfonds halten die Zinsen für zu hoch.

Duisenberg hat die politische Führung schleifen lassen. Dadurch hat
er es den EWU-Staaten leicht gemacht, ein Tabu zu brechen: Offen tragen
diese seit einigen Tage ihre widersprüchlichen Erwartungen an die EZB
heran. Dies setzt die Zentralbank unter Druck, ihre Unabhängigkeit zu
demonstrieren.

Der Streit alarmiert auch, weil sich die Akteure von nationalen
Interessen leiten lassen, statt den richtigen Zins für die Euro-Volkswirtschaft
zu diskutieren.

Es war abzusehen, dass unterschiedliche Wachstums- und
Inflationsentwicklungen in der Währungsunion irgendwann zur Konflikten führen würde. Nicht
abzusehen war, wie ungehemmt die Staaten ihre Zerstrittenheit demonstrieren.
Mit der fehlenden Anerkennung der europäischen Logik erschüttern sie die
Glaubwürdigkeit der Währungsunion - zumal sich der Streit bis in den EZB-Rat, das
geldpolitische Entscheidungsgremium, hineinzieht.

Ein starker EZB-Präsident könnte hier Druck ausüben, um dieses
Dilemma kurzfristig zu überwinden. Er könnte die Vertreter mancher
Notenbanken dazu bringen, einer für die Euro-Zone sinnvollen Zinsentscheidung
zuzustimmen, auch wenn diese einmal nicht im Interesse einzelner Mitgliedstaaten
liegt. Dass Duisenberg dies leisten kann, ist unwahrscheinlich.

Langfristig sollten die Abstimmungsmodalitäten im EZB-Rat reformiert
werden. Spätestens mit der Osterweiterung sollte das Konsensprinzip
aufgegeben werden, um ein Veto von Minderheiten bei der Geldpolitik
auszuschließen. Die wirtschaftliche Stärke der Staaten sollte sich in ihrem
Stimmengewicht niederschlagen.
Weitere Leitartikel zu den Themen "Durststrecke bei Chrysler" und
"Agenda für IWF und Weltbank" in der FTD-Ausgabe vom 26.04.2001.

Dieser Artikel ist im Internet abrufbar unter der URL:
http://www.ftd.de/pw/eu/FTD7FZ2QYLC.html?nv=nl


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Deutsche Ökonomen für Zinssenkung
Aus der FTD vom 26.4.2001

Mehrere deutsche Ökonomen haben sich am Mittwoch der Forderung des
Internationalen Währungsfonds (IWF) nach einer raschen Zinssenkung der Europäischen
Zentralbank (EZB) angeschlossen.

Nach Einschätzung der Mehrheit der Finanzmarktexperten wird die EZB
den Leitzinssatz jedoch nach der am Donnerstag stattfindenden Sitzung des
EZB-Rats unverändert bei 4,75 Prozent belassen.

Die EZB steht seit Wochen unter zunehmendem politischen Druck.
Internationale Organisationen wie der IWF, britische und amerikanische Politiker
halten eine Zinssenkung in Europa für dringend geboten, um die Lage der
Weltwirtschaft zu stabilisieren. Die US-Notenbank hatte ihre Leitzinsen seit
Jahresbeginn bereits um insgesamt 200 Basispunkte auf 4,5 Prozent gesenkt.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW),
Klaus Zimmermann, warnte die EZB am Mittwoch vor übertriebenen
Inflationssorgen. "Das Inflationsproblem wird derzeit überschätzt. Es gibt Spielraum
für die EZB, die Zinsen rasch zu senken", sagte Zimmermann der Financial
Times Deutschland. Er räumte ein, dass Zinssenkungen erst mit einer
Zeitverzögerung von einem halben bis Dreivierteljahr zu wirken beginnen würden. "Ein
rasches Zinssignal würde aber in der gegenwärtig kritischen konjunkturellen
Lage dennoch helfen, diese rasch zu verbessern", sagte Zimmermann. Würde
die EZB stattdessen weiter abwarten, "ist die Krise entweder ausgestanden
oder die Konjunktur ist richtig eingebrochen", sagte der DIW-Chef.

Auch der Würzburger Währungsexperte Peter Bofinger plädierte für eine
Senkung der europäischen Zinsen. "Die Risiken für die US-Konjunktur werden
derzeit unterschätzt. Eine kräftige Rezession dort ist unvermeidlich.
Vernünftig wäre also, wenn die EZB durch Zinssenkungen hilft, die Lage der
Weltwirtschaft zu stabilisieren", sagte Bofinger.

Die Inflationsrate werde wegen der derzeit grassierenden Tierseuchen
erst später als bislang erwartet unter den EZB-Zielwert von 2,0 Prozent
sinken, sagte am Mittwoch EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing. Aus Kreisen der
Banque de France war dagegen zu hören, dass eine Inflationsrate von unter
zwei Prozent bald wieder für möglich gehalten werde. Bisher hielten sich
die Lohnforderungen der Gewerkschaften in Grenzen.

Die deutsche Inflationsrate dürfte von 2,6 Prozent im März auf 2,9
Prozent im April gegenüber dem Vorjahr in die Höhe geschnellt sein. Darauf
deuteten erste Schätzungen aus fünf Bundesländern. Die Verbraucherpreise in
Sachsen sind im April gegenüber dem Vormonat um 0,3 und im Vergleich zum
Vorjahresmonat um 3,1 Prozent gestiegen.

Angesichts dieser Raten rechnete am Mittwoch eine Mehrheit der
Analysten am Finanzplatz Frankfurt nicht mit einer Zinssenkung bereits am
Donnerstag. In einer Reuters-Umfrage erklärten 37 von 44 Fachleuten, dass keine
Zinsrücknahme bevorstehe, 15 Volkswirte glaubten an eine moderate Senkung im Mai,
19 Ökonomen sahen frühestens im Juni geringere Zinsen voraus.

Dieser Artikel ist im Internet abrufbar unter der URL:
http://www.ftd.de/pw/eu/FTDWLV6SRLC.html?nv=nl


 

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