Kein Wasser, kein Licht, nur Armut

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eröffnet am: 09.04.06 08:47 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
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Nigeria ist Afrikas grösster Ölproduzent und weltweit die Nummer acht. Seit Anfang Jahr legen militante Gruppen grosse Teile der Förderanlagen lahm.

Markus M. Haefliger, Port Harcourt

Es ist nicht einfach, den Zorn der Ogoni einzuschätzen. Am eindrücklichsten wettert eine Bäuerin im Dorf Khana, 30 Kilometer östlich von Port Harcourt. Kaum spricht der Fremde sie an, tanzt sie schon im Rhythmus ihres Pidgin-Englisch auf dem Acker herum: No water / No light / Only suffer! / Boys no  job / Nobody  no  chop / Only  suffer! («Kein Wasser, kein Strom, keine Arbeit, nichts zu essen. Wir leiden nur.») Die Frau ist nicht zu bremsen, bis zur Erschöpfung schmiedet sie neue Verse.

Der Blick des Besuchers schweift derweil über das Feld, auf dem Maniok, Jam und Bananen wachsen und das umsäumt ist von Kokospalmen und Raffiastauden, aus deren Früchten Wein gewonnen wird. Wie gross mag die Empörung sein? Wie viel daran ist Show? Die Frage kann im Nigerdelta nie beantwortet werden, nicht für die Bäuerin und nicht für die militante Jugend weiter westlich im Nigerdelta.

Ölregen im Maisfeld

Einige Tage nach dem Besuch in Khana ein Anruf von Marvin Yobana, dem Präsidenten des Ogoni Youth Wing: «Du wolltest wissen, wie es aussieht, wenn eine Ölquelle ins Freie schiesst», sagt er aufgeregt. «Dann komm!» Wir fahren erneut zu den Ogoni hinaus. Das Volk, eines von 26 Minderheiten im Delta, hat zu Beginn der neunziger Jahre den Kampf der Einheimischen gegen Regierung und Ölgesellschaften aufgenommen und bis heute geprägt. Die Ogoni forderten Respekt für sich und die Umwelt und die Kontrolle über einen Teil der Erdöleinnahmen. Als sie nicht gehört wurden, sabotierten einige von ihnen Pipelines. 1993 zog sich Shell, die Inhaberin der Förderrechte in dem Gebiet, aus Ogoniland zurück.

Seither ist es ruhiger geworden in den vier Ogoni-Distrikten. Hier wenigstens sind die zischenden Kamine verstummt, von denen Gas abgefackelt wird. Aber die Unzufriedenheit ist geblieben und bricht sich Bahn, wenn stillgelegte Anlagen bersten wie die Ölquelle Bomu 2, die Marvin uns zeigen will. Am 24. März brach die Kappe, mit der Shell-Techniker die Quelle abgedichtet hatten. Drei Tage lang schoss eine 30 Meter hohe Fontäne aus dem Boden. Im Radius von 150 Metern ist die Erde glitschig, die Luft getränkt vom süsslichen, von einer scharfen, betäubenden Note begleiteten Geruch des Öls. Ein gleissender Film hat sich über die Maisstauden gelegt.

An der Strasse streiten zwei Dutzend Bauern mit Polizisten, die sie nach Hause schicken wollen. Yobana erklärt stolz, man habe Shell-Techniker einen Tag lang daran gehindert, die Anlage zu reparieren, um Verhandlungen über Schadenersatz zu «erzwingen». Ein Bauer verlangt für sein auf absehbare Zeit unbrauchbares Feld umgerechnet 1,7 Millionen Dollar Schadenersatz - eine Phantasiesumme. Laut Shell sind Lokalverwaltungen für Schadenersatzzahlungen zuständig. Unfälle wie bei Bomu 2 kämen vor, nicht zuletzt, weil Shell von der Lokalbevölkerung an Unterhaltsarbeiten gehindert werde, sagt ein Konzernsprecher.

Die Erdölwirtschaft fügt im Nigerdelta nicht nur der Umwelt Schaden zu, sie hat auch viele Bewohner verdorben. Ihre Armut allein würden die Ogoni wohl ertragen, nicht aber, dass sie sie inmitten von Quellen des Reichtums erdulden müssen. Forderungen sind oft grenzenlos. Wo Shell und andere Gesellschaften dem Image und dem Frieden zuliebe Dörfer elektrifizierten und Schulen bauten, konnte dies die Bewohner in den seltensten Fällen besänftigen. «Wenn man uns die Hand gibt, nehmen wir den Arm», umschreibt Marvin Yobana, der Chef der Ogoni-Jugendbewegung, seine Devise.

Yobana bestätigt, dass junge Ogoni im Movement for the Emancipation of the Niger Delta (Mend) mitmachen, einer letztes Jahr entstandenen militanten Gruppe, die in den Verästelungen des Niger im westlichen Mündungsdelta zwischen Warri und Yenagoa aktiv ist. Die Gruppe greift Einrichtungen von Ölgesellschaften an und erpresst diese. Anfang Jahr wurden bei zwei Aktionen 22 ausländische Techniker entführt, von denen die letzten erst Ende März freikamen. Die schwer bewaffneten Rebellen liefern der Armee Schlachten. Dabei sind bisher rund 50 Soldaten und eine unbekannte Zahl von Rebellen umgekommen.

Die Parolen von Mend sind die gleichen, die die Ogoni vor 15 Jahren erhoben. Aber im Unterschied zu damals sind die Rebellen der neuen Generation keinem Volk und seinen traditionellen Chiefs verpflichtet. Ihre Methoden sind ungleich militanter geworden. Den Grund sieht der Politologe Gibri Ibrahim vom Center for Democracy and Development in Abuja in der politischen Ökonomie des Nigerdeltas, deren erlaubte und unerlaubte Geldströme ein gefährliches Spiel um Macht und Reichtum eskalieren liessen.

Erpressung und Ölraub

Die Erpressung von Lösegeld ist die neueste Methode, wie Militante sich die politische Forderung nach Ressourcenkontrolle aneignen. Der Raub von Rohöl, das von ausgebildeten Technikern umgeleitet und über libanesische Hehler verkauft wird, ist ein Milliardengeschäft. Am mengenmässig geringeren Raub an raffiniertem Brennstoff partizipieren ganze Dörfer. An den Ufern der Niger-Mündung sind rostige Tanks allgegenwärtig, in denen gestohlener Dieseltreibstoff gehortet wird.

Ein weiteres Element des Rebellentums, bei dem die Interessen der Herrschenden und der Beherrschten kaum zu unterscheiden sind, bildet die Patronage korrupter Politiker. Im Bootshafen von Yenagoa, der Hauptstadt des Gliedstaats Bayelsa, werden wir Zeuge des Besuchs von Foster Okoto in der Stadt. Okoto ist Abgeordneter im Bundesparlament und bereitet seine Kampagne für die Wiederwahl im nächsten Jahr vor. Er ist im Nu von 30 Burschen umringt, die aussehen, als schlügen sie ihre Zeit im Fitnessstudio tot. Die Burschen machen den Diener und suchen gierig den Blick des Politikers, der sein Wohlstandsbäuchlein auf lackierten Schuhen durch den Staub trägt.

Okoto tut alles, was ein erzogener Nigerianer nicht tun darf: Er verteilt willkürlich Geld, fasst Männer um die Schulter, nimmt andere zur Seite und flüstert ihnen ins Ohr. Laut einem Beteiligten werden die Männer angeheuert, um beim Wahlkampf in einem Jahr andere Kandidaten und Offizielle einzuschüchtern und Wahlurnen mit falschen Zetteln zu stopfen.

Danach sind sie wieder arbeitslos. Nach übereinstimmenden Berichten gingen nach den Wahlen 2003 viele Wahlhelfer in den Untergrund und bildeten den Kern der Mend-Rebellen.

 
NZZ am Sonntag 
 

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