Jesus und die Armut-Und die Armut des Papstes-

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42128 Postings, 8162 Tage satyrJesus und die Armut-Und die Armut des Papstes-

Jesus CHRISTUS selbst forderte unbedingte Armut: "Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gibs den Armen, so wirst du einen ...

 

 

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42128 Postings, 8162 Tage satyrJesus und die Armut-Der Vatikan und die Armut

 

Jesus CHRISTUS selbst forderte unbedingte Armut: "Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gibs den Armen, so wirst du einen ...

Flinke Hände

Ist der Vatikan reich oder arm? Er selbst behauptet immer letzteres. Doch seine Finanzrechnungen sind unvollständig und eher darauf angelegt, den Umfang von Einnahmen und Vermögen zu vernebeln.

Von Thomas Kreyenbühl

SAMSTAGS AM RANDE der Piazza Vittorio beim Römer Hauptbahnhof: Blitzschnell wirbeln die drei umgedrehten Karten über den kleinen Spieltisch. Immer aber lassen die flinken Hände des Taschenspielers erkennen, wo sich das Herz-As befindet. Einer der Passanten greift für den Spieleinsatz in die Tasche, ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, noch eine blitzschnelle Handbewegung - und prompt setzt er auf die falsche Karte. Uns soll das nicht passieren! Den Geldschein bereits zur Hand, blockieren wir die vermeintliche Siegerkarte. Doch wieder war es nicht das Herz-As, und auch unser Einsatz ist weg. Waren die dicht um den Tisch gedrängten Schaulustigen alles Kumpane, die Karten gezinkt? Auch dies gehört vermutlich zu diesem Spiel, bei dem der rasche und geschickte Kartentausch, die überlistete Aufmerksamkeit zählt.

Um solchen Verwirrspielen vorzubeugen und zu vermeiden, dass der Fiskus, die Gläubiger oder die Aktionäre von wendigen Managern um ihre Ansprüche geprellt werden, gibt es Gesetze, die vorschreiben, wie die Unternehmen ihre Bilanzen zu erstellen haben. Bilanzen müssen wahr, klar und vollständig sein, um nur die wichtigsten Prinzipien zu nennen. Und wenn eine einzige nicht ausreicht, bei Unternehmensverflechtungen, wird eine konsolidierte Konzernrechnung, eine Bilanz der Bilanzen, verlangt.

So - auf den ersten Blick - auch im Vatikan. Immer in der zweiten Junihälfte versammelt der Präsident der Wirtschaftspräfektur des Heiligen Stuhls (des obersten Rechnungshofes) die Vatikanjournalisten um sich, um ihnen die letzte «konsolidierte Bilanz des Heiligen Stuhles» vorzulegen. Was Erzbischof Sergio Sebastiani den Vertretern der Presse dann aber in die Hände drückt, hat mit einer Bilanz und mit korrekter Konsolidierung überhaupt nichts zu tun. Bilanzen sollten Auskunft geben über das unternehmerische Vermögen, über Eigenkapital und Schulden. Nichts davon findet sich in den Zahlen Sebastianis. Aufgeführt sind lediglich die rudimentär zusammengestellten Einnahmen und Ausgaben der sieben Verwaltungsbereiche: Vermögensverwaltung, Evangelisierungskongregation, Apostolische Kammer, Radio, Druckerei, Verlag und Televisionszentrum. Eine recht willkürliche Auswahl, mit der sich der Vatikan dem Verdacht opulenten Reichtums entziehen will - auch wenn er sich dabei dem Vorwurf der buchhalterischen Verschleierung aussetzt. Die wichtigen Einkommensquellen bleiben nämlich aus dem Konsolidierungskreis ausgeschlossen. So fehlt der an Peter und Paul in allen Kirchen der Welt gesammelte und direkt zum Vatikan geleitete «Peterspfennig» (vermutlich mehr als 100 Millionen Franken), und es fehlt vor allem die Bank, das Istituto per le Opere di Religione (IOR). Damit verliert die Konsolidierung ihren Sinn. Denn wird der Grundsatz der Vollständigkeit verletzt, ist es ein leichtes, das Herz-As verschwinden zu lassen.

Begründet wird diese Praxis mit dem Hinweis, der Peterspfennig und die Gewinne des IOR stünden direkt dem Papst zur Verfügung und hätten mit der Administration des Heiligen Stuhls nichts zu tun. In bezug auf den Peterspfennig stimmt dies sicher nicht: Über Jahre hinaus wurden damit die Defizite der Verwaltungsrechnung gedeckt. Dann verwundert aber auch das Ausklammern der päpstlichen Zahlen in der Gesamtrechnung des Heiligen Stuhls. Man stelle sich vor, eine private Unternehmensgruppe würde gerade die Buchhaltung der Dachgesellschaft aus ihrem Konsolidierungskreis ausschliessen! Wenn Sebastiani die berufsethischen und rechtlichen Kriterien der Buchhalterzunft beachten würde, müsste er die Ausschlüsse sehr genau begründen. Doch der oberste Rechnungsprüfer des Vatikans verliert über solche «Details», die jeden weltlichen Buchhalter vor den Richter bringen würden, keine Worte.

WESHALB DIE GEHEIMNISKRÄMEREI? Wie kann der Vatikan verlangen, dass man ihm seine angebliche Armut glaubt, wenn er gleichzeitig Zahlen verheimlicht? Mit welchem Recht verweigert der Heilige Stuhl den Gläubigen Informationen, mit denen jede Publikumsgesellschaft auf Grund von Gesetzen herausrücken muss? Und wieso deckt das IOR die Karten nicht auf? Auch Angelo Caloia, als Präsident des Aufsichtsrates, des Consiglio di Sovrintendenza, eigentlicher Chief Executive Officer der Bank, versteckt sich hinter dem Argument, eine Konsolidierung sei nicht möglich, weil das IOR nicht zur Verwaltung des Heiligen Stuhls gehöre. Unter der früheren IOR-Führung war dies allerdings auch schon anders: Um die Auslieferung der in den betrügerischen Konkurs des Banco Ambrosiano verwickelten Spitzenmanager Erzbischof Paul C. Marcinkus, Pellegrino De Strobel und Luigi Mennini zu hintertreiben, wurde das IOR 1982 flugs zur zentralen Körperschaft des Heiligen Stuhls erklärt. Für zentrale Körperschaften ist laut den Lateranverträgen aus dem Jahr 1929 ausschliesslich die vatikanische Justiz (also ein Teil der Verwaltung!) verantwortlich. Den italienischen Untersuchungsbehörden blieb es deshalb verwehrt, die Hintergründe des Zusammenbruches der damals wichtigsten italienischen Privatbank befriedigend aufzuklären.

Im Grunde ist die Frage, ob es sich beim IOR um eine verwaltungsexterne oder um eine zentrale Körperschaft handelt, eine Wortklauberei, mit der sich die höchsten kirchlichen Autoritäten vor ihrer Informationspflicht drücken. Aus Respekt vor den Gläubigen, so würde man meinen, sollten auch der Vatikan und vor allem die Bank glasklare Bücher vorlegen, in denen nicht nur ein paar willkürlich ausgewählte Ausgaben und Einnahmen ausgewiesen sind, sondern auch das Vermögen.

Dabei interessiert uns nicht, was jederzeit in den vatikanischen Museen oder in den Katasterplänen Roms eingesehen werden kann, die Kunstschätze und das Immobilieneigentum. Wir möchten wissen, was der Heilige Stuhl an Wertschriften hält. Und zwar nicht nur in den Portefeuilles der Finanzverwaltung, der Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica (APSA). Wir vermuten nämlich, dass er mehr besitzt als nur die wenigen hundert Millionen Franken, auf die der jährliche APSA-Finanzertrag (1997 waren es 84 Milliarden Lire oder etwa 70 Millionen Franken) schliessen lässt. Und wir möchten im besonderen den Umfang des Vermögens kennen, das im trutzigen, von Niccolò V. erbauten Verteidigungsturm direkt hinter den Kasernen der Schweizergarde verwahrt wird. Wird dort, am Sitz des IOR, tatsächlich nur das Geld von Kongregationen, religiösen Vereinigungen, Klosterfrauen und Vatikanangestellten verwaltet und nicht auch vatikanisches Eigentum? Dann möchten wir auch wissen, wie gross die Eigenmittel dieses Institutes sind.

«Unwesentliche Bestände», winkt Caloia ab. Doch der Finanzexperte, der früher einer Mailänder Investmentbank vorgestanden hatte und weiterhin dem Verwaltungsrat von Italiens rentabelstem Unternehmen, der Schnapsbrennerei Fratelli Branca (jene vom Fernet), angehört, erläutert nicht, mit welchen Ellen er misst. Ohne ein stattliches Eigenmittelpolster jedenfalls hätte die Bank den schweren Schaden, der ihr aus dem Zusammenbruch der Sindona-Banken in den siebziger Jahren erwachsen war, nicht so locker verkraften können. In den achtziger Jahren war das IOR ausserdem in der Lage, den beim Kollaps des Banco Ambrosiano geschädigten internationalen Banken die hübsche Summe von 250 Millionen Dollar auf den Tisch zu blättern.

Wir möchten all dies wissen, nicht weil wir dem Vatikan kein Geld zugestehen wollen oder meinen, dass der Hauptsitz einer weltumspannenden Organisation am Hungertuch nagen müsse, sondern weil der Heilige Stuhl laufend von den römisch-katholischen Gläubigen der Welt finanziert wird. Wir verstehen nicht, weshalb Transparenzansprüche weltlicher Aktionäre gesetzlich geschützt sind, jene der Gläubigen, die sich mit dem Vatikan vermutlich stärker identifizieren, aber schnöde abgewiesen werden.

DIE MANGELNDE TRANSPARENZ der Vatikanbank ist um so bedenklicher, als man weiss, dass hinter den Leoninischen Mauern in den letzten Jahren oft äusserst windige Finanzexperten die Fäden zogen. Die Geschäftspartner des früheren IOR-Chefs Paul C. Marcinkus gehörten in den siebziger und achtziger Jahren zum Übelsten, was die italienische Finanzwelt hervorgebracht hat. Eine Schlüsselrolle spielte der Mafia-Bankier Michele Sindona, der über den Vatikan grossflächig illegale Kapitalexporte organisierte, seine Kunden im katholischen Römer Polit-Establishment später erpresste und schliesslich im Gefängnis mit einem vergifteten Kaffee umgebracht wurde. Marcinkus geschäftete aber auch mit den Chefs der P2-Geheimloge, Licio Gelli und Umberto Ortolani, mit dem Finanzjongleur Florio Fiorini, der seine Genfer Finanzgesellschaft Sasea 1993 mit ungedeckten Schulden von 5 Milliarden Franken dichtmachen musste, oder eben mit Roberto Calvi, dem gelehrigsten «Schüler» Sindonas, der 1982, kurz nach dem betrügerischen Konkurs «seines» Banco Ambrosiano, an einem Strick unter der Londoner Blackfriars-Themsebrücke baumelte. Marcinkus hatte während Jahren bei unzähligen waghalsigen und rücksichtslosen Deals mitgewirkt. Er stellte seinen Kumpanen aus Italien die vatikanische Extraterritorialität für schmutzige Geschäfte zur Verfügung, deckte ihre Geldwäschereien auf karibischen und südamerikanischen Off-shore-Zentren mit Garantieerklärungen und führte damit andere Banken an der Nase herum. Mit den erwähnten 250 Millionen Dollar wurde schliesslich das Schweigen dieser Banken und ihr Verzicht auf Prozesse erkauft.

Auch hinter den Mauern des Vatikans muss es damals einigen Wirbel gegeben haben. Gegen aussen hielt der Vatikan trotz der schweren Zweifel und Beschuldigungen aber am offiziellen Verteidigungskonzept fest, wonach Marcinkus und die andern IOR-Spitzenmanager «hereingelegt» worden seien. Allein ihre Gutmütigkeit und Unerfahrenheit habe zur unseligen Verwicklung in die Ambrosiano-Affäre geführt. Der Vatikan versuchte den Schein zu wahren und musste deshalb auf die Entlassung Marcinkus' verzichten. Erst 1989, als sich die Wogen längst geglättet hatten, wurde der frühere Kardinalsanwärter und Papstvertraute auch formell gefeuert und als einfacher Pfarrer in ein amerikanisches Provinznest geschickt.

AUF DIE FRAGE, weshalb das IOR nach dieser turbulenten Vergangenheit nicht zu einer normalen Informationspolitik verpflichtet wurde, meint Caloia allen Ernstes, dass er es heute in bezug auf Transparenz mit jeder italienischen Bank aufnehmen könne. Das neue IOR-Statut aus dem Jahre 1990 schreibe klar vor, was mit dem eingelegten Geld gemacht werden dürfe und wer zur Kontenführung berechtigt sei. Als Vorsteher des Consiglio di Sovrintendenza überwache er selbst die Auflagen und bewillige persönlich die Aufnahme jedes neuen Kunden. Der Aufsichtsrat wiederum unterstehe den Direktiven eines übergeordneten fünfköpfigen Kardinalsrates, und die Bücher würden schliesslich von der Schweizer Price-Waterhouse-Tochter Revisuisse geprüft.

Der Einwand, dass uns interne Kontrollen nicht interessieren, dass die Arbeit externer Kontrollstellen wenig nützt, wenn ihre Berichte der Öffentlichkeit vorenthalten werden, und dass die Gläubigen an keiner Generalversammlung Auskünfte verlangen können, verklingt in der Lobrede auf die angebliche IOR-Transparenz ungehört. Caloia war nicht einmal bereit, dem Schreibenden eine Kopie der Statuten zu überlassen.

Ganz wohl scheint es bei so viel Informationsverweigerung allerdings selbst im Aufsichtsorgan nicht allen zu sein. Bereits vor sechs Jahren erklärte Philippe de Weck, damals Mitglied des Consiglio di Sovrintendenza, einem Journalisten des Mailänder Finanzblattes «Milano Finanza», dass nach der Aufnahme einer externen Rechnungsprüfung bald auch die Konsolidierung des IOR in der Gesamtrechnung des Heiligen Stuhles anstehe. Der ehemalige Präsident der Schweizerischen Bankgesellschaft hat sich mittlerweile aus seinen vatikanischen Beratertätigkeiten zurückgezogen, ohne dass sein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Statt dessen zweifelt Caloia heute daran, dass die Worte de Wecks korrekt wiedergegeben worden sind. Und überhaupt: Sein Unternehmen, das «praktisch nur Fremdvermögen» verwalte (angeblich lediglich rund 7000 Milliarden Lire oder 6 Milliarden Franken), sei nicht dem Vatikan, sondern höchstens der Universalkirche Rechenschaft schuldig. Wenn Caloia Kirche sagt, dann meint er allerdings nicht die Gläubigen, sondern die Kirchenhierarchie, die fünf Kardinäle über ihm.

DER VERDACHT, dass in den Büros des IOR weiterhin dunkle Geschäfte getätigt werden, bleibt bestehen. Zumal es nicht an Indizien fehlt. Im Zuge des Ferruzzi-Montedison-Skandals, des grössten Unternehmenszusammenbruches der Nachkriegsgeschichte, gab Caloia zwar sofort und teilweise unaufgefordert die Bankverbindungen der Familie Ferruzzi preis. Diese hatte noch 1991, also ein Jahr nach der «läuternden» Statutenreform, zwei Drittel ihres monumentalen Schmiergeldverkehrs exklusiv über das IOR abgewickelt, ohne dass die vatikanischen Bankiers auch nur geahnt haben wollen, welchen Zwecken die hektischen Transfers im Wert von mehr als 100 Millionen Franken dienten. Doch die Frage, weshalb Alessandra Ferruzzi und ihr Ehemann Carlo Sama zu diesem Zeitpunkt beim IOR überhaupt noch ein eigenes Konto unterhalten konnten, ist damit nicht beantwortet. Offenbar gibt es trotz Caloias Beteuerungen und trotz der Statutenreform weiterhin Sonderregelungen für gewisse vatikanexterne und kirchenunabhängige Interessenten. Vor der Statutenreform soll dies auch offiziell möglich gewesen sein, sofern dem Vatikan ein kleiner Teil des Gewinnes der Finanzoperationen als Spende überlassen wurde. Der übliche Ansatz lag mit 10 Prozent weit unter dem italienischen Verrechnungssteuersatz von 30 Prozent.

Dann taucht das IOR aber auch immer wieder in neuen Skandalgeschichten auf. Einer seiner Kunden, Kardinal Michele Giordano, der den Gläubigen Neapels zweimal jährlich das «Wunder» mit dem verflüssigten Blut des San Gennaro vorgaukelt, soll seine Spekulationen, Wuchergeschäfte und Steuerhinterziehungen gemäss den zuständigen Untersuchungsbehörden in deliktischem Verbund mit dem IOR ausgeheckt und abgewickelt haben. Bischof Salvatore Cassisa, dem auch Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden, zweigte einen Teil der von der Region Sizilien für die Reparatur des Domes von Monreale bereitgestellten 8,6 Milliarden Lire aufs eigene Konto beim IOR ab, und auch in der monumentalen «Cheque to Cheque»-Untersuchung von Torre Annunziata (Waffenhandel, Geldwäscherei) führt über den Erzbischof von Barcelona eine direkte Spur zum IOR. Die Zahl der bewiesenen Verfehlungen und der noch laufenden Untersuchungen ist allzu gross, als dass auf eine bessere Geschäftsmentalität im Trutzturm von Niccolò V. geschlossen werden könnte.

Auch wenn Caloia beteuert, dass die international vereinbarten Normen zur Bekämpfung der Geldwäscherei auch vom IOR respektiert würden, bleibt er bei genauerem Hinsehen sein eigener Kontrolleur. Die andern vier Mitglieder des Consiglio di Sovrintendenza tauchen in der Regel nur einmal alle sechs Wochen im Vatikan auf. Und das purpurne Vertretungsorgan des vatikanischen Eigentümers unter der Leitung von Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano ist nicht gehalten, jährlich mehr als zweimal zusammenzutreten - ob die Theologen aber überhaupt in der Lage sind, die buchhalterischen Zusammenhänge zu entschlüsseln, um ihre Aufsichts- und Kontrollaufgaben erfüllen zu können, darf bezweifelt werden. Die Kontrollstrukturen sind trotz Caloias Beteuerungen rudimentär geblieben. Und da die Bank offensichtlich nicht in der Lage ist, die Machenschaften gewisser Kunden zu erkennen, ist es bis zum nächsten Skandal vermutlich nur eine Frage der Zeit. «Wir sind hereingelegt worden, die andern sind schuld, sie nützen unsere Unerfahrenheit in Finanzdingen aus», wird es dann erneut heissen.

WÜRDE DER HEILIGE STUHL wirklich die Lehren aus den unzähligen Skandalen ziehen, so hätte er sich längst aus den Geschäften zurückgezogen, von denen er angeblich nichts versteht. Er müsste ausserdem genau klären, was er mit einer eigenen Bank überhaupt will. Zur Verwaltung der vatikanischen Vermögen gibt es ja die APSA, und für vatikanexterne kirchliche oder religiöse Organisationen bieten sich ohnehin professionellere und - spätestens seit dem Fall Ferruzzi - auch verschwiegenere laizistische Fachkräfte an. Mit entsprechenden Vorbehalten liesse sich jederzeit verhindern, dass die Gelder für Risikooperationen verwendet oder in Unternehmen zur Herstellung von Waffen oder Verhütungsmitteln angelegt werden. Solange auf die eigene Bank nicht verzichtet wird, müssen wir annehmen, dass der Heilige Stuhl einfach nebenher noch etwas zusätzliches Geld verdienen will. Dank seiner Extraterritorialität, dem faktischen Verzicht auf Kontrollen und den Steuerprivilegien wird er sich um Kundschaft kaum sorgen müssen.

Der Gleichmut, mit dem die Katholiken dieses Treiben tolerieren, erstaunt. Denn die Weltkirche braucht kein IOR. Sie ist in finanzieller Hinsicht ohnehin ein vollständig dezentralisiertes Gebilde. Die Gläubigen finanzieren die Diözesen, die ihrerseits über eine progressive, stark gestaffelte kirchenrechtliche «Sondersteuer» den Heiligen Stuhl mit weiteren, nicht mit eigenen Einkünften oder über den Peterspfennig beschafften Betriebsmitteln versorgen. Der Ertrag dieser Steuer liesse sich zweifellos weiter steigern, wenn einmal die Gewissheit bestünde, dass unter dem Schutzmantel des Vatikans nicht auch noch undurchsichtige Bankgeschäfte getätigt werden, wenn die Gläubigen nicht mehr fürchten müssten, dass weitere Herz-Asse unter flinken vatikanischen Buchhalterhänden verschwinden.

Thomas Kreyenbühl ist Wirtschaftskorrespondent der NZZ in Rom.
Foto: Hans-Peter Jost, Zürich.

 

16.04.06 15:34

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