Fünf Jahre später in Rente ?!?!

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eröffnet am: 10.09.02 17:50 von: juliusamadeu. Anzahl Beiträge: 2
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10.09.02 17:50

2611 Postings, 7300 Tage juliusamadeusFünf Jahre später in Rente ?!?!

Fünf Jahre später in Rente
ZUKUNFT Warum wir länger arbeiten müssen. Interview mit Professor Axel Börsch-Supan.

Von OLIVER SCHADE

ABENDBLATT: Deutschland vergreist. Die Zahl der Rentner wächst stetig, zugleich gibt es aber viel zu wenig Kinder. Was bedeutet das für die Volkswirtschaft?

BÖRSCH-SUPAN: Es zeichnet sich eine prekäre Entwicklung ab. Wegen der steigenden Lebenserwartung wird die Zahl der Einwohner in Deutschland in den nächsten 30 Jahren nur verhältnismäßig gering sinken. Die dann lebenden Menschen werden 2030 fast genauso viele Güter und Dienstleistungen nachfragen wie heute. Dagegen wird die Zahl der Erwerbstätigen wegen der Vergreisung stark zurückgehen - in den nächsten 30 Jahren um schätzungsweise acht Millionen. Das heißt: Um den Konsum der Einwohner zu befriedigen, müssen 2030 viel weniger Arbeitnehmer deutlich mehr leisten.

ABENDBLATT: Müssen die Deutschen wieder länger arbeiten?

BÖRSCH-SUPAN: Ja. Wir müssen vor allem die Lebensarbeitszeit erhöhen. Das durchschnittliche Rentenalter sollte von heute knapp unter 60 auf 65 Jahre steigen. Wegen der deutlich höheren Lebenserwartung und der besseren Gesundheit kann man diese Mehrarbeit von den Menschen auch erwarten. Selbst die Wochenarbeitszeit darf kein Tabuthema sein. Heute liegt sie bei durchschnittlich 36 Stunden - das ist sehr wenig.

ABENDBLATT: Die sinkende Zahl der Erwerbstätigen entlastet zumindest den Arbeitsmarkt. Werden wir 2030 Vollbeschäftigung haben?

BÖRSCH-SUPAN: Das wäre der Idealfall. Aber an ihn glaube ich nicht. Denn wir benötigen künftig immer besser qualifizierte und besonders leistungsstarke Arbeitnehmer. Viele Menschen können die Ansprüche, welche die Arbeitswelt von morgen an sie stellt, nicht erfüllen. Sie werden es sehr schwer haben, einen Job zu finden. Dieses Problem haben wir bereits heute - und es dürfte sich noch verschärfen.

ABENDBLATT: Was können der Staat und die Unternehmen tun?

BÖRSCH-SUPAN: Es muss vor allem deutlich mehr Geld in die Aus- und Weiterbildung gesteckt werden. Hier hinken wir im internationalen Vergleich hinterher. Vor allem die Qualifizierung älterer Menschen müssen wir vorantreiben. Heute gehört ein 50-Jähriger doch schon zum alten Eisen. Qualifizierungsprogramme sind für ihn nicht mehr vorgesehen. Das ist fatal in einer Arbeitnehmerschaft, die immer älter wird.

ABENDBLATT: Ist Deutschland auf mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen?

BÖRSCH-SUPAN: Wir sollten uns stärker als bisher um hochqualifizierte ausländische Arbeitnehmer bemühen. Aber davon sollte man sich nicht zu viel versprechen. Denn zum einen ist die Konkurrenz um Hightechspezialisten aus aller Welt zwischen den Nationen sehr groß. Und Deutschland ist für die begehrten Spezialisten längst nicht das Wunschland Nummer eins. Zum anderen können wir durch Zuwanderung nicht den Wegfall von acht Millionen Erwerbstätigen ausgleichen. Das zu glauben, wäre Illusion.

ABENDBLATT: Was kann noch getan werden?

BÖRSCH-SUPAN: Um auch 2030 die hierzulande weiterhin hohe Nachfrage nach Gütern zu befriedigen, muss Deutschland mehr Produkte importieren. Zum Beispiel aus Frankreich oder Großbritannien, wo die Bevölkerung nicht so schnell altert wie bei uns. In diesen Ländern stehen später ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung, die für uns Autos, Kühlschränke und andere Dinge produzieren können. Die offenen Handelsbeziehungen in der EU sind folglich sehr wichtig. Gleichzeitig muss aber auch das Kapital ungehindert über die Grenzen fließen. Denn nur dann können deutsche Konzerne direkt im Ausland investieren, sich an Firmen in Frankreich oder Großbritannien beteiligen. Dadurch behalten die deutschen Konzerne eine gewisse Kontrolle über jene Firmen, die künftig unsere Konsumgüter herstellen.

ABENDBLATT: Ältere Menschen fragen andere Güter und Dienstleistungen nach als jüngere. Welche Branchen profitieren von der demographischen Entwicklung in Deutschland, welche sind die Verlierer?

BÖRSCH-SUPAN: Der Gesundheitssektor wird der große Gewinner sein. In diesem Bereich werden auch mehr Beschäftigte benötigt - bis 2030 etwa sieben Prozent. Dagegen wird die Reisebranche Probleme bekommen. Denn 80-Jährige fahren eben nicht mehr so oft in den Urlaub. Dort werden auch weniger Arbeitsplätze benötigt - bis 2030 etwa fünf Prozent.

ABENDBLATT: Um die Vergreisung der Bevölkerung zu stoppen, braucht Deutschland Nachwuchs. Müsste der Staat Familien nicht besser fördern, damit mehr Kinder geboren werden?

BÖRSCH-SUPAN: Über höhere Kindergeldzahlungen und bessere Betreuungsmöglichkeiten muss sicherlich nachgedacht werden. Doch selbst wenn die Geburtenraten in den nächsten Jahren kräftig anzögen, kämen diese Kinder zu spät, um die bevorstehende demographische Krise zu entschärfen.

ABENDBLATT: Derzeit kommen auf 100 Erwerbstätige 56 Rentner, in 30 Jahren werden es nach Ihren Berechnungen knapp 90 Rentner sein. Droht den Sozialversicherungen der Kollaps?

BÖRSCH-SUPAN: Das kommt darauf an, welche Schritte die Politik in den nächsten Jahren einleitet. Ich denke die Riestersche Renten-Reform, mit der die private Vorsorge für das Alter gefördert wird, ist ein richtiger Baustein. Das deutsche Sozialversicherungssystem muss Stück für Stück umgestaltet werden. Die Eigenvorsorge muss sowohl bei der Rente als auch im Gesundheitsbereich deutlich an Bedeutung gewinnen.

ABENDBLATT: Das heißt: Die Reichen können sich hohe Renten und eine optimale Krankenbetreuung leisten, die Armen müssen sich dagegen mit einer schlechten Versorgung abfinden.

BÖRSCH-SUPAN: Von einer schlechten Versorgung würde ich nicht sprechen. Schon heute muss man für ein Einzelzimmer im Krankenhaus privat zuzahlen. Das heißt aber nicht, dass die ärztliche Behandlung im Drei-Bett-Zimmer schlechter ist. Der Staat kann nicht jedem Bürger eine Luxusbetreuung ermöglichen. Er muss allerdings dafür Sorge tragen, dass jeder genug Geld zum Leben hat und eine medizinisch notwendige Versorgung bekommt. Wir dürfen den Sozialstaat nicht überfordern. Schließlich lebt jede Generation im Schnitt vier bis fünf Jahre länger. In dieser Zeit beziehen die Menschen Rente und sie werden krank. Das kann nicht alles der Staat bezahlen. Hier muss jeder Einzelne selbst vorsorgen - und zwar so früh wie möglich.

Interview: OLIVER SCHADE

"Die Reisebranche wird Probleme bekommen. Denn 80-Jährige machen seltener Urlaub."

erschienen am 10. Sep 2002 in Wirtschaft


gruss julius  

10.09.02 17:59

2611 Postings, 7300 Tage juliusamadeusDas erinnert stark an Bismark

denn dieser errechnete das Rentenalter so, dass die Wahrscheinlich für eine Zahlung von Rente sehr gering war. Die damalige Lebenserwartung war meines Wissens so um die 65 Jahre.

Bismark der Fuchs.

gruss julius  

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