Eine gewagte Theorie!

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eröffnet am: 28.04.05 20:00 von: moya Anzahl Beiträge: 2
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28.04.05 20:00

1008418 Postings, 6309 Tage moyaEine gewagte Theorie!


Eine gewagte Theorie!

von Jochen Steffens

Ich befürchte, die meisten ökonomischen Ansätze die amerikanische Wirtschaft zu analysieren, laufen im Moment aus einem einfachen Grunde ins Leere.

Wir kennen alle die Sorgen, die sich viele Ökonome um die amerikanische Wirtschaft machen. Viele dieser Argumente sind stichhaltig, haben zum Teil historische Äquivalente und sind aus diesem Grund besonders besorgniserregend.

Doch ich glaube, es wird ein kleiner, aber bedeutender Umstand schlichtweg ignoriert, die Globalisierung. Dazu ein Beispiel:

Unsere Welt wächst zusammen, sie schrumpft, um es genauer zu sagen.
Das liegt zum einen an der enormen Informations- verbreitungsgeschwindigkeit, zum anderen an der ebenfalls enormen Reisegeschwindigkeit, die heute eine Weltreise in kürzester Zeit ermöglicht. Dieser Prozess der "Schrumpfung" ist ein sehr alter
Prozess: Früher war es eine lange Reise, in die nächst größere Stadt zu gelangen. Informationen brauchten Ewigkeiten, bis sie vom einen Ende des Landes zum anderen drangen. Ein Land war damals riesig, die wenigsten Menschen kamen jemals aus ihren Dörfern hinaus. Doch mit zunehmender Entwicklung und besonders Industrialisierung schrumpften die Länder zusammen. Dann waren es nur noch wenige Tage, um von einer Ecke des Landes zur anderen zu gelangen. Heute schafft man es in einer Stunde. Gleichzeitig bevölkern immer mehr Menschen immer weniger "Land".

Die Welt wird kleiner und kleiner, und dabei rücken die Länder immer mehr zusammen. Warum ich das schreibe, werden Sie fragen, dieser Prozess ist doch bereits seit Jahrhunderten im Gange?

Die meisten Ökonomen betrachten die Welt immer noch länderspezifisch.
Das bedeutet, sie analysieren die USA, Deutschland, Europa, China als Einzelstaaten. Ich bezweifle, dass das noch Sinn macht. Ich glaube, dass diese Differenzierung sich langsam überholt und deswegen die Analysen verzerrt werden.

Dazu ein Beispiel, dass meine Überlegung deutlich macht:

Nehmen wir an, Sie hätten vor, die Wirtschaft einer größeren Stadt zu analysieren, irgendwo in der Vergangenheit.

Wir nennen diese Stadt mal CityUS.

Was wäre Ihnen aufgefallen? Die Großstadt konsumiert enorme Mengen an Rohstoffen, Nahrungsmittel, Waren, die sie natürlich nicht alle selber herstellen, geschweige denn produzieren kann. Die Großstadt bezieht die Waren aus dem Umland, die Nahrungsmittel werden auf dem Land angebaut, die Rohstoffe in Bergwerken, etc. Selbst die Kleidung wird teilweise anderswo hergestellt.

CityUS produziert selbst sehr wenig, es ist vielleicht eher die Finanzmetropole. Die Firmen haben hier ihren Sitz, aber die Arbeitnehmer arbeiten woanders. Die großen Geldgeschäfte werden hier abgewickelt, doch die Firmen verdienen woanders. Andererseits legen die Menschen aus den anderen Teilen des Landes ihr Geld in CityUS an.
Alles wird in CityUS-Dollar abgerechnet. Eine Währung, die üblicherweise im ganzen Land akzeptiert wird.

Schauen wir uns nun die Situation der CityUS an. Wie sähe aber das Handelsbilanzdefizit mit dem Umland aus? Es wäre verheerend. CityUS kauft nur Waren, stellt aber kaum noch welche her. Würde CityUS deswegen verarmen? Nein, so lange das umliegende Land ihre Finanzgeschäfte dort abwickelt, ihr Geld in die City transferiert, könnte City US von der "Verwaltung des Geldes" leben. Auch wenn sich CityUS im Inneren verschulden würde. Ein Teil der Bevölkerung dieser Stadt wäre im Finanzbereich tätig, ein anderer würde die großen Konzerne verwalten, die im Land tätig sind, ein dritter Teil würde andere Dienstleistungen anbieten, um dem ersten und zweiten Teil auf verschiedenste Art und Weise dienstbar zu sein.

Eigentlich müsste CityUS aber doch Schulden machen, denn es bräuchte immer mehr und mehr Geld, um zu konsumieren, um Waren in die Stadt zu holen, um seine Bewohner zu ernähren. Wo kommt das Geld her? Ein Teil fließt durch Gewinne der Firmen, die sie landesweit machen, in die Stadt, das würde aber nicht reichen. Höchst wahrscheinlich würde die Stadt Steuern einnehmen - Steuern für die Verwaltung und die Sicherheit des Landes.

Doch welcher Ökonom würde schon die Stadt isoliert betrachten. Wenn Sie jedoch als Ökonom das Land als Ganzes betrachten würden, würden Sie sich über das Handelsbilanzdefizit der Großstadt aufregen? Wohl eher weniger, Sie würden den Konsum, die steigenden Häuserpreise, das steigende Handelsbilanzdefizit als durchaus gesund betrachten. Denn es zeigt, dass Nachfrage da ist, dass alles noch funktioniert.

Wenn nun die Welt immer weiter schrumpft, bez. zusammenwächst, kann es nicht sein, dass die USA mittlerweile eine Art Großstadt im Land, das "Welt" genannt wird, geworden ist? Eigentlich brauchen wir heute genauso lange, einmal die Welt zu bereisen, wie wir vor wenigen hundert Jahren noch brauchten, um ein Land zu bereisen. Eigentlich sind die wirtschaftlichen Verflechtungen mittlerweile weltweit so eng, wie sie eigentlich früher nur innerhalb eines Land waren. Eigentlich sind aus wirtschaftlicher Sicht kaum noch Grenzen vorhanden.

Kann es sein, dass wir die USA nicht mehr isoliert betrachten müssen?
Dass wir die Welt weltweit betrachten müssen, auf eine ganz neue Art und Weise, um zu neuen Formen der Analyse zu kommen? Kann es sein, dass in dem Land "Welt" die USA so etwas wie eine Großstadt ist? Würde dann nicht ein ganz anderes Bild entstehen? Vielleicht sind auch deswegen die Horrorszenarien vernünftiger und intelligenter Analysten noch nicht eingetreten, trotz aller Deutlichkeit und Logik in ihren Argumenten? Ich will diese These lediglich in den Raum stellen - mehr nicht - noch nicht.

Ein kleines Problem bleibt bestehen. Amerika kann nicht weltweit Steuern einziehen, für seine "Weltpolizeitätigkeit", für seine "Finanzverwaltung", um sich das Handelsbilanzdefizit von dem Rest der Welt bezahlen zu lassen - kann es nicht?

Doch, ich glaube, es war Juan de Mariana, ein spanischer Jesuit, der zum ersten Mal Inflation als eine Steuer beschrieb. Und genau das ist beim Dollar der Fall. Der Dollar ist die Weltwährung. Alle Waren, die in Dollar gehandelt werden, sind durch eine steigende Inflation mit einer hohen Steuer belegt. Alle Gelder, die in Dollar angelegt sind, alle in Dollar gelistete Aktien und Finanztitel, werden durch die Inflation bzw. die Entwertung des Dollars besteuert! Die enorme Entwertung des Dollars bezahlt sozusagen das Außenhandelsdefizit, sogar die US-Haushaltsdefizite. Und keiner merkt es.

Ich stelle diese Theorie der Diskussion anheim.

Gruß Moya

 

29.04.05 06:43

1258 Postings, 6100 Tage JingNicht uninteressant Jochens Gedanken

und passen zu dem beruehmten Ausspruch: "Der $ ist unsere Waehrung und Euer Problem".
(Ex-US-Finanzminister glaube ich)
Als "Kreditgeber" bzw. Anleihenkaeufer, liegt mir schon lange im Magen, dass man kaum noch einen solide verschuldeten Staat finden kann (Ausnahme Irland).  

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