Dosenpfand: Eine erste Abrechnung...

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eröffnet am: 10.06.03 10:51 von: Happy End Anzahl Beiträge: 13
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10.06.03 10:51

95441 Postings, 7474 Tage Happy EndDosenpfand: Eine erste Abrechnung...

Woher kommt sie? Wohin geht sie? Die Pfanddose gibt ihren Besitzern allerlei Rätsel auf. Eine erste Abrechnung

Von Burkhard Strassmann

Ich war ein Dosenfreund. Gedankenlos, unreflektiert, triebgesteuert. Ich liebte das eiskalte Blech, an dem sich die Luftfeuchte niederschlägt. Das Klick-Zisch beim Öffnen, die heikle Begegnung von weicher Lippe und scharfkantigem Metall. Das beiläufige Trinken, das maskuline Zerknüllen der Dose, den Zielwurf auf den Mülleimer. Ich liebte die Geschichten von Männern wie dem Superminister Wolfgang Clement, die ihr Rachenzäpfchen umlegen und eine Bierdose in Sekunden leeren können. Mit leeren Bierdosen wiederum hatte ich verrottete Auspuffrohre geflickt, meine Freunde hatten damit Antennenanlagen konstruiert. In wilden Jahren wurden sie als Wasserpfeife eingesetzt, und im Advent konnte man seine Liebsten mit Adventskalendern aus Bierdosen beglücken (24 Stück in einer Palette!). Mit zunehmendem Alter und einer Wohnung im zweiten Stock hatte ich besonders das geringe Doseneigengewicht schätzen gelernt. Doch am 1. Januar 2003 kam das Dosenpfand über Deutschland.

Seither bin ich wie gelähmt. Im Supermarkt stehe ich vor den Regalen und erschaudere ob der Summe, die für eine Dose plus Pfand zu entrichten ist. Neulich stand ich beim Bier. Da fiel mir ein Angebot ins Auge, das einschließlich Pfand günstiger war als mein Lieblingsbier früher und schlicht »Bier« hieß. Um ein Haar hätte ich zugegriffen! Verwirrt und deprimiert, wie ich bin, trage ich dazu bei, dass der Pro-Kopf-Verbrauch bei Bier um sieben Liter pro Jahr einbricht (die so genannte »Trittin-Delle«). Auch zu Hause erlebe ich Seltsames. Seit drei Wochen steht eine leere Bierdose auf meinem Küchenschrank. Mehrmals täglich starre ich sie an. Sie starrt zurück, indifferent, schwer einzuschätzen. Jemand hat sie zum Grillabend mitgebracht, leer getrunken und hier gelassen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich sie bedenkenlos in den gelben Sack gesteckt. Doch nun? Seit dem 1.1. werfen Bierdosen Fragen auf. Zahlreiche Fragen. Und die einzig schlüssige Antwort, um das hier gleich vorwegzunehmen, lautet: Eine Dose ist keine Dose ist keine Dose.

Manche Pfandmarken sind so mickerig wie früher das DDR-Geld

Würde der Himmel einstürzen oder der Bundesumweltminister in meinem Vorgarten randalieren, wenn ich diese fremde Bierdose einfach wegschmisse? Nein, aber Freund H. könnte klingeln und mit einem Zettelchen winken. Das Zettelchen wäre eine Pfandmarke, und die Pfandmarke wäre der Beleg dafür, dass er vor Wochen eine Dose Bier bei Eurospar gekauft und 25 Cent Pfand hinterlegt hat. Wäre die Dose weg, würde der Freund schreien, sein Pfand sei futsch. Und ich würde als einer gelten, der silberne Fünfzigpfennigstücke in den Mülleimer wirft. So einer bin ich nicht. Ich bin aber einer, der gern weiß, was bei ihm auf dem Küchenschrank steht.

Das Wesen einer Bierdose kann dieser Tage nur begreifen, wer den Sinn der Pfandmarke verstanden hat. Leider gilt das neue und möglicherweise nur vorübergehend eingeführte Dosenpfandsystem außer für Dosen auch noch für Einwegflaschen aus Plastik oder Glas, nicht aber für Schlauchbeutel, Tetrapaks und Standbodenbeutel und auch nicht, wenn Fruchtsaft ohne Sprudel, Wein und Höherprozentiges drin sind.

Das Rückgabesystem ist einfach für den, der es kapiert, und wird innerhalb der Getränkebranche als »Pfandinsellösung« bezeichnet. Man betrachtet den Kaufladen als »Insel«, auf der sich zwei Geschäftspartner begegnen: der Einzelhändler, der es bekanntlich schwer hat, und der Endverbraucher, der bekanntlich Durst hat. Kauft der Biertrinker eine Dose Pils, muss er ein Pfand hinterlegen. Kein Kleidungsstück, keine Kette, keine Uhr: 25 Cent für das kleine Gefäß, 50 Cent für alle umweltfeindlichen Behälter, die größer als 1,5 Liter sind, zum Beispiel Partyfässchen. Das Bargeldpfand erspart dem Kunden das Ausziehen oder Ablegen von Schmuckstücken. Leider hat es auch einen Nachteil: Böse Kunden könnten mit lauter leeren Bierdosen von anderen Inseln, aus dem Ausland (wo man Dosenpfand nicht kennt) oder (bewahre!) von der Müllkippe ankommen und nicht hinterlegtes Pfandgeld kassieren.

Um das zu verhindern, wurde die Pfandmarke erfunden. Die Pfandmarke ist der Beweis dafür, dass die Bierdose auf genau dieser Insel gekauft wurde. Auf der Aral-Insel ist die Pfandmarke ein kleiner Geldschein und sieht aus wie das Spielgeld in dem Kaufladen, den mein Vater mir vor vielen Jahren gebaut hat. Das Aral-Geld wirkt sogar ein bisschen fälschungssicher. Auf der Plus-Insel bekommt man dagegen eine dünne Blechmünze in die Hand gedrückt, die sich noch mitleiderregender als das alte DDR-Geld anfühlt. Die meisten Läden geben indes nur einen Kassenbon heraus, auf dem das Pfand ausgewiesen ist. Ich habe aber noch keine Pfandmarke gesehen, die mich auch nur entfernt an das silberne Fünfzigpfennigstück erinnerte.

Die meisten Bons verschrumpeln in der Waschmaschine

Die Schnipsel und Blechreste wirken allesamt ziemlich unseriös. So entsteht zum großen Bedauern aller Freunde von Nebenwährungen keine Aral-Pfandmarkenwährung, kein allseits konvertibler Plus-Dollar. Ebenso folgerichtig verliere ich die meisten Pfandmarken schon, bevor die dazugehörigen Dosen leer sind ? sie wehen davon, verschrumpeln in der Waschmaschine oder fallen in Ritzen. Umweltverbände haben ausgerechnet, dass nur 75 Prozent der pfandpflichtigen Einweggefäße zurückgegeben werden. Prima, sagt da der Einzelhandel, auf diese Weise kriege ich monatlich 30 bis 60 Millionen Euro geschenkt! Hoch lebe Trittin! Hoffentlich gibt der Einzelhandel dieses Geld schnell wieder aus, zum Beispiel durch Rabatt auf Bier in Dosen. So könnte die schwächelnde Bierbinnennachfrage (Dab minus 50 Prozent!) angekurbelt werden.

Ich nehme die Bierdose vom Schrank und drehe sie in der Hand. Warsteiner, Königin der Biere, das einzig Wahre. Alles wie immer, nichts Auffälliges. Kein Hinweis auf das Dosenpfand.

Niemand weiß, ob es sich um eine Inseldose oder eine Vorjahresdose oder eine Hollanddose handelt. Vielleicht kennt der rechtmäßige Besitzer der Dose einen Einzelhändler persönlich, und der verkauft ihm die Dosen heimlich ohne Pfand. Vielleicht steckt auch einer dieser skrupellosen Trittin-Saboteure dahinter, die sich schon im Januar einen Gewerbeschein besorgt haben, um sich nun pfandfrei und palettenweise im Großhandel mit Dosenbier eindecken zu können. Zum Entsetzen (und zur stillen Bewunderung) Umstehender werfen solche Leute ihre leeren Bierdosen mit großer Lässigkeit in den Abfalleimer. Oder aus dem Autofenster! Ich habe das übrigens mal im Selbstversuch ausprobiert: Es ist ein Erlebnis wie bei der ersten Zigarette. Man fühlt sich schlecht und toll zugleich und auf jeden Fall aufgeregt. Es sollte jedem Menschen gestattet sein, einmal im Leben eine leere Bierdose aus dem Autofenster zu werfen. Ex und hopp! Und die Pfandmarke gleich hinterher. (Eines Tages kommt bestimmt auch das Zigarettenkippenpfand.)

Arme Schlucker bleiben immer in der Nähe ihres gebundenen Kapitals  

Gerade mal 0,2 Cent ist meine Bierdose objektiv wert. Ich habe mich bei den Sekundäraluminiumbörsen umgetan. Aufgrund des Pfandes steigt ihr scheinbarer Wert auf das 125fache! Das kann nicht gut gehen. Ich kenne einen ? Sie werden sagen, mein Gott, was kennt der für Leute! ?, der denkt schon über den Kauf einer alten elektronischen Ladenkasse nach, um selbst Pfandbons zu drucken. Dieses finstere Geschäft brauchte dann nur noch die einmalige Investition in ein paar Bierdosen, und der Rubel rollte. In den meisten Läden wird nicht überwacht, ob man das Leergut auch tatsächlich und vollzählig in die bereitgestellten Kartons wirft. Der Finsterling könnte also stets mit demselben Set Dosen arbeiten.

Die Höhe des »Zwangspfandes«, wie Plus in blutroten Lettern schäumt, ist tatsächlich nicht unproblematisch. Es ist ja ein zinsloses Darlehen. Man bindet ? das ist je nach Einkommen unterschiedlich stark zu spüren ? Kapital. Das rege Treiben an Trinkhallen und Büdchen hat auch mit diesem Phänomen zu tun: Die Armen bleiben in der Nähe ihres gebundenen Kapitals. Wobei gerade sie wegen des lächerlich geringen Pfandes auf Mehrwegflaschen (acht Cent) neuerdings wieder Bier aus der Pulle trinken. Genauer: aus der Mehrwegflasche. Den Umweltminister freut das. Den Fahrradfahrer weniger. Ich kann mich nicht erinnern, je so viele grüne und braune Glassplitter auf Straßen, Plätzen und Radwegen gesehen zu haben wie in diesen Monaten. Aus dem Bonner Innenstadtpflaster sind die Splitter vom Karneval heute noch nicht herausgekratzt. Das vergleichsweise geringe Pfand auf Mehrwegflaschen führt offenbar zu einer ganz neuen Ex-und-hopp-Mentalität, mit deren Folgen sich die Reinigungskräfte nach der Love Parade werden herumschlagen müssen.

Demnächst kommt Freund H. zur Tür herein und drückt mir eine Pfandmarke in die Hand. »Hier, schenk ich dir, falls du mal nach Saarbrücken kommst.« Meine Freunde sind mobile Menschen, und die Pfandinsellösung ist schlecht für sie und alle, die mit Bus, Bahn und Pkw durch die Lande jagen. Sie düsen über die Autobahn, schon haben sie an der Raststätte Münster Süd Durst, haben in Höhe Ahlhorner Heide ausgetrunken und pulen die Pfandmarke in Cuxhaven aus dem Portemonnaie. Und dann? Vielleicht steigt man auch zum ersten und letzten Mal in Saarbrücken um und archiviert lebenslang den Bon mit dem Pfand auf eine Warsteiner-Dose. Eine Möglichkeit wären Tauschstellen an ausgesuchten Bahnhöfen und Raststätten. Doch vielleicht funktioniert ja die Internet-Tauschbörse www.pfandboerse.de.vu. Hier kann man nutzlose, weil weit weg erhaltene Pfandmarken annoncieren und auf dem Postweg austauschen. Nur die Pfandmarken! Entsprechendes Leergut muss vor Ort besorgt werden.

Vielleicht ist das die Lösung: Der formschöne Dosenhaltergürtel
Es ist also in Wirklichkeit nicht meine Warsteiner-Dose 50 Pfennig wert, sondern die dazugehörige Pfandmarke. Wer eine Pfandmarke hat, wird schon irgendwie eine Dose dazu auftreiben, und wahrscheinlich bleibt meine Fremddose doch bis zum Sanktnimmerleinstag auf dem Küchenschrank stehen. Ich stecke sie kurzerhand und entschlossen in den gelben Sack. Ähnliches würde in anderen funktionierenden Dosenpfandsystemen, zum Beispiel in den USA, nicht passieren. In New York steckt jeder, der auf sich hält, seine leeren Dosen in eine Plastiktüte und hängt die an den Vorgartenzaun. Dann kommen die Penner, sammeln die Dosen ein und holen sich das Pfand ab. Da gibt es eben keine Pfandmarken. Wer bei uns ein ähnliches der Wohlfahrt dienendes System einführen wollte, müsste Pfandmarken an den Zaun hängen.

Am amerikanischsten geht es bei Aldi zu. Zwar hat der Discounter sein Kult-weil-billig-Bier Karlsquell nach dem 1.1. aus dem Sortiment geworfen. Doch selbst mit Kunststoffflaschen funktioniert das Aldi-Pfandsystem berückend schön: Hier ist die Flasche selbst die Pfandmarke. Eine hoch innovative Idee! Der Beweis, dass die Apfelschorle von der Aldi-Insel stammt, findet sich als Aldi-Signet auf der Flasche. An der Kasse gibt man die leere Flasche ab, die Kassiererin wirft sie in hohem Bogen und absolut treffsicher über die Kasse in einen bereitstehenden Behälter ? und das Pfandgeld wird ausbezahlt. Perfekt! Das Aldi-Leergut hätte es als Einziges verdient, eine Nebenwährung zu werden. Es ist allerdings etwas voluminös.

Und auch für den Dosenbierfreund werden sich befriedigende Lösungen finden. Sie werden seine Getränkelogistik und sein Outfit betreffen. Ein Berliner Designerbüro hat bereits einen formschönen Dosenhalter für den Gürtel konzipiert, in Form und Funktion vergleichbar mit einer Handytasche, aus Bierfahnen und Sitzgurten genäht. Man würde diesen Dosenträger erwerben und dazu einmalig eine Dose Bier einschließlich Pfand. Diese trüge man immer am Körper. Wäre sie leer, tauschte man sie an der Kasse gegen eine volle. Das Prinzip lehnt sich an das Pfandsystem bei Schutzgasschweißflaschen an: Man hätte nur ein einziges Mal Pfand zu errichten, würde ansonsten nie mehr mit dem Thema konfrontiert, und der Bundesumweltminister wäre glücklich. So würde die Bierdose am Ende eine unerwartete Aufwertung erfahren. Oder, um es mit den Worten des Sprechers der Radeberger-Gruppe, Stefan Leppin, auszudrücken: »Die Dose kann sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen!«

zeit.de  

13.06.03 18:31

Clubmitglied, 6481 Postings, 7908 Tage PeetLöschung


Moderation
Zeitpunkt: 21.11.11 16:57
Aktion: Löschung des Beitrages
Kommentar: Urheberrechtsverletzung, vollständige Quellenangabe fehlt

 

 

21.11.11 14:03
2

1 Posting, 3504 Tage callaLöschung


Moderation
Zeitpunkt: 21.11.11 17:41
Aktionen: Löschung des Beitrages, Nutzer-Sperre für immer
Kommentar: Werbung

 

 

21.11.11 14:06
1

177732 Postings, 7206 Tage GrinchSteck dir deine Werbung in den Arsch!

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It´s Mafia for life, cause it´s do or die and I gonna make you cry!

21.11.11 14:09
1

11927 Postings, 5096 Tage demode66... und ich hab sooo lange nach ein paar

netten Worten gesucht...
Aber der Grinch ist einfach mal schlagkräftiger und Wortgewandter!
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Mr. Gorbatschow tear down this (Fire)wall*/**!
* außer bei Heino Liedern! ** und Roberto Blanko

21.11.11 17:40
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Clubmitglied, 6481 Postings, 7908 Tage Peetmuhh

posting vom 13.06.2003 gelöscht - da gab es nicht mal die forumregeln

HAHAHA

glaube da ist der eine oder andere noch nackt um tannenbaum gelaufen mit der trommel ^^
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bye bye peet
do you know - there's a story about a new-born child and the sparrow's song

21.11.11 17:42
1

42204 Postings, 7373 Tage Dr.UdoBroemmeDeine Schandtaten werden unerbittlich verfolgt

und wenn es 100 Jahre braucht!
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ly hat dich lieb!

21.11.11 17:52
4

Clubmitglied, 6481 Postings, 7908 Tage Peetmuh

wundert mich nur, dass ich nicht gleich für immer gesperrt wurde^^

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bye bye peet
do you know - there's a story about a new-born child and the sparrow's song

21.11.11 18:33
1

Clubmitglied, 46533 Postings, 7592 Tage vega2000Kommt noch, Peet

Der Ausschuss über Deinen Ausschluss schliesst nichts aus..., oder so
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Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen wenn der Zorn ihr zur Hand geht

21.11.11 18:36
1

24273 Postings, 7835 Tage 007BondDie Geister, die ich rief ...

21.11.11 19:03
3

Clubmitglied, 6481 Postings, 7908 Tage Peetnaja

für jochen hebe ich kein stück seife mehr auf, lohnt ja nicht ^^
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bye bye peet
do you know - there's a story about a new-born child and the sparrow's song

21.11.11 19:11

59073 Postings, 7514 Tage zombi17Na Peety,

sind se dich am wegmobben?  

21.11.11 19:20

Clubmitglied, 6481 Postings, 7908 Tage Peetmhh

kaum verlieren die roten - kommt es von allen seiten
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bye bye peet
do you know - there's a story about a new-born child and the sparrow's song

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