Deutschland vor dem Ende

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eröffnet am: 04.05.05 16:17 von: Karlchen_I Anzahl Beiträge: 1
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Billiger Spaß im Glas
Oettinger ist an allen Edel-Pilsenern vorbei zu Deutschlands Biermarke Nummer eins aufgestiegen. Andere Brauer ziehen nach

Peter Kirnich

BERLIN, 3. Mai. Böse Zungen nennen das Billigbier salopp "Oettis Sterbehilfe", die Fans dagegen feiern es als den wahren Biergenuss: "Die Qualität ist gut, der Preis ist klein - das finde ich als Biertrinker fein", ist etwa auf der Oettinger-Fanseite im Internet neben anderer hausgemachter Bier-Lyrik zu lesen.

Beinahe klammheimlich ist die Billigbiermarke aus Bayern an den zahlreichen Edel-Pilsenern vorbei zur meistverkauften Biermarke in Deutschland aufgestiegen. Während Nobel-Biere wie Bitburger und Warsteiner oder das stark beworbene Hasseröder im Vorjahr kräftige Verkaufsrückgänge verzeichneten, stieg der Absatz von Oettinger Bier 2004 um 23 Prozent auf 6,4 Millionen Hektoliter.

Erstmals steht damit eine Billigmarke und kein Premium-Bier an der Spitze der Markenrangliste. Billigbiere sind in den Zeiten der "Geiz-ist-geil-Welle" gefragter denn je. Derzeit beträgt ihr Marktanteil 20 Prozent - "Tendenz steigend", heißt es in einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Angesichts der schwachen Wirtschaftsentwicklung würden die Verbraucher "immer häufiger zu den dauerhaft preisgünstigen Marken", greifen. Ein Kasten Oettinger kostet in vielen Supermärkten 4,99 Euro - das ist weniger als die Hälfte von dem, was Kunden etwa für die Kiste Radeberger, Warsteiner oder Jever bezahlen müssen. "Solche Preise machen uns nicht gerade glücklich", sagt der Sprecher der Radeberger-Gruppe, Udo Dewies. Auch an Berlin geht der Billigbier-Boom nicht vorbei: "Die Discounter verzeichnen hier sehr gute Zuwächse", berichtet die Marketingchefin der Berliner-Schultheiss-Brauerei, Bettina Pöttken. Jörg Schillinger, Sprecher von Interbrew Deutschland nennt die Billigbier-Brauer "einen ernstzunehmenden Faktor". Nicht nur Oettinger, auch Handelsmarken wie die Penny-Eigenmarke Adelskrone (sechsmal 0,5 Liter für 1,65 Euro) legen zu. "Da wird immer häufiger zugegriffen", sagt ein Sprecher der Penny-Mutter Rewe.

Von "Billigbier" will man indes bei Oettinger nichts wissen. "Wir sind nicht billig", sagt Brauerei-Chef Günther Kollmar. Sein Unternehmen braue nur kostengünstiger als viele andere. Im Gegensatz zu den meisten Braukonzernen verzichtet Oettinger komplett auf Werbung und auf Zwischenhändler. Stattdessen beliefern 180 firmeneigene Lkw tagtäglich 10 000 Supermärkte, Tankstellen und Getränkeshops, die das Bier anbieten. Kollmar verkauft sein Bier auch nicht in Gaststätten, sondern setzt voll auf den Einzelhandel. "Wir vermarkten unser Bier eben anders", sagt er. "Deshalb kommt es preiswerter bei den Kunden an." Hinzu komme die hohe Produktivität. Anfang der 90er-Jahre hat sich der Brauereichef an den Stadtrand Oettingens eine der modernsten Produktionsstätten inklusive Abfüllanlage errichten lassen. Sie ist über "die längste Bierpipeline der Welt" mit der alten Brauerei verbunden. In Gotha, Dessow, Schwerin und Mönchengladbach wird inzwischen ebenfalls Oettinger gebraut. Das spart Transportkosten. Kollmar sieht sich so gut für die Zukunft gerüstet. "Der Anteil von Handels- und Billigmarken", prognostizieren nämlich die Experten von Ernst & Young, "wird bis zum Jahr 2015 die Schwelle von 40 Prozent überschreiten". Die Warsteiner-Gruppe stellt sich bereits darauf ein und verkauft den Kasten Paderborner Bier seit kurzem im Angebot für 3,99 Euro. Andere Premium-Hersteller setzen dagegen vorerst weiter auf ihre Markenstrategie: So lautet die Devise bei Interbrew trotzig: "Marke ist geil!"
 

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