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Chinas Aufstieg zur Seemacht weckt..

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neuester Beitrag: 16.04.06 18:40
eröffnet am: 16.04.06 18:40 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
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15554 Postings, 6086 Tage quantasChinas Aufstieg zur Seemacht weckt..

Chinas Aufstieg zur Seemacht weckt den Argwohn Amerikas

Verlagerung von Streitkräften der USA in den Pazifikraum

Das bevorstehende Gipfeltreffen der USA und Chinas kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beiden Länder einander mit viel Argwohn beäugen. In Amerika ertönen die Warnungen vor einer militärischen Konkurrenzierung durch das Reich der Mitte immer lauter.

A. R. Gut sechs Jahrzehnte nach dem verheerenden Angriff japanischer Bomberverbände ist Pearl Harbor noch immer ein Symbol für den Anspruch Amerikas auf die Rolle der Führungsmacht im Pazifikraum. Die militärische Bedeutung des «Perlenhafens» auf der hawaiischen Insel Oahu ist in den letzten Jahren gegenüber der Zeit des Kalten Krieges sogar noch gewachsen. Grund dafür ist die amerikanische Besorgnis über den rasanten Aufstieg Chinas zur Seemacht, der althergebrachte Annahmen über die absolute Dominanz der USA im Pazifik ins Wanken gebracht hat. Während einige Militärexperten angesichts der Aufrüstung Chinas immer lauter die Alarmglocke schellen lassen, hat das Pentagon eine relative Verstärkung der Streitkräfte im Pazifik eingeleitet. Die Führung in Washington macht kein Aufsehen darum, erst recht nicht vor dem bevorstehenden Besuch des chinesischen Staats- und Parteichefs Hu Jintao. Sie weiss, dass die Botschaft auch so in Peking ankommen wird.

Demonstration militärischer Stärke

Bei einem Besuch von Vertretern chinesischer Staatsmedien, bei dem auch einige europäische Journalisten teilnahmen, konnte man vor kurzem beobachten, wie die amerikanische Seite den Chinesen ein wohlkalkuliertes Signal aussandte: Die Marine präsentierte in Pearl Harbor eines ihrer modernsten Kriegsschiffe, die USS «Chung- Hoon». Die Besatzung war gerade an den letzten Vorbereitungen zum Auslaufen; auf allen Decks herrschte blitzblanke Ordnung, und die Matrosen salutierten in blütenweissen Hemden mit frischen Bügelfalten. Als jüngstes Exemplar der Arleigh- Burke-Klasse von Zerstörern verfügt die «Chung-Hoon» über das moderne Aegis-Luftabwehr-System und eine geballte Feuerkraft. Das Schiff ist darauf ausgelegt, feindliche Flugzeuge, Schiffe und U-Boote simultan zu bekämpfen.

Benannt ist es nach dem amerikanischen Admiral Gordon Chung-Hoon, einem Weltkriegshelden mit hawaiischen und chinesischen Vorfahren. Mit dem Rundgang durch das Kriegsschiff samt Einladung in das mit Elektronik vollgestopfte Kommandozentrum schienen die Vertreter der Navy den anwesenden Chinesen eine doppelte Botschaft vermitteln zu wollen: Amerikas militärische Stärke ist ungebrochen, aber die USA sind zugleich bereit zu Offenheit und Kooperation. Beides sind zentrale Elemente der Militärstrategie Washingtons gegenüber Peking.

Näher heran an «heisse Zonen»

Im Februar veröffentlichte das Pentagon die alle vier Jahre fälligen Leitlinien der Militärpolitik, den sogenannten Quadrennial Defense Review Report. Was die Streitkräfte im Pazifik anbelangt, stechen zwei Punkte heraus: Zum einen soll die Zahl der verfügbaren Flugzeugträger-Kampfgruppen im Stillen Ozean von fünf auf sechs zunehmen. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Navy künftig weltweit mit elf statt zwölf Flugzeugträgern auskommen muss. Zum andern werden Unterseeboote aus dem Atlantik abgezogen und in den Pazifik verlagert. Künftig soll zwischen den beiden Einsatzgebieten nicht mehr der traditionelle Verteilschlüssel 50:50 gelten, sondern ein Verhältnis von 60 Prozent der U-Boote für den Pazifik, 40 Prozent für den Atlantik.

Bereits vor einiger Zeit hat die Marine mit der Umsetzung begonnen und drei U-Boote nach Guam im Westpazifik verschoben. Auf der amerikanisch verwalteten Insel wurde zudem eine ständige Präsenz von Langstrecken-Bombern eingerichtet. Stationiert ist seit kurzem eine Staffel von Tarnkappenbombern des Typs B-2, die im Konfliktfall in kurzer Zeit eine enorme Bombenlast auf Ziele in Asien abwerfen könnten.

All diese - ohne Fanfaren erfolgten - Stationierungsentscheide spiegeln letztlich dieselbe Absicht: modernes Kriegsgerät näher an vermutete Konfliktzonen der Zukunft heranzuführen und so die Fähigkeit zu behalten, notfalls eine schnelle und kriegsentscheidende Operation anzudrohen. Auch wenn sich die alltägliche Rhetorik des Pentagons hauptsächlich um den Irak und die Bekämpfung islamistischer Terroristen dreht, besteht kaum ein Zweifel daran, dass sich die Militärplaner mindestens so stark mit dem Gedanken einer zukünftigen Konkurrenzierung durch China befassen.

Im Vordergrund steht dabei das Szenario einer Konfrontation um den Inselstaat Taiwan, den Peking als abtrünnige Provinz betrachtet. Die USA sprechen sich im Rahmen ihrer Ein-China- Politik zwar gegen eine Unabhängigkeit Taiwans aus, aber auch gegen eine gewaltsame Einverleibung durch Festlandchina. In der Taiwan Relations Act von 1979 haben sich die USA verpflichtet, Taiwan mit Defensivwaffen zu beliefern und für ein Eingreifen auf Seiten der Inselrepublik gerüstet zu bleiben. Ob die USA im Konfliktfall tatsächlich militärisch intervenieren würden, lässt Washington bewusst offen.

Kein Interesse an einem Krieg um Taiwan

Von seinem Hauptquartier in Camp Smith aus hat Admiral William Fallon eine eindrückliche Aussicht auf Pearl Harbor. Fallon leitet das U. S. Pacific Command, dessen Einsatzgebiet von der Westküste der Vereinigten Staaten bis nach Ostafrika und von der Arktis bis zur Antarktis reicht. Über 300 000 Militärangehörige von Heer, Kriegsflotte, Luftwaffe und Marineinfanterie sind ihm unterstellt. Die militärischen Verlagerungen vom Atlantik zum Pazifik will Fallon nicht als Machtdemonstration oder gar als Drohgeste verstanden wissen. Im Gespräch mit Journalisten betont er vielmehr, dass die neue Anordnung die Herausforderungen der Gegenwart besser spiegle. Seit dem Zweiten Weltkrieg und über das Ende des Kalten Krieges hinaus sei die Verteilung der amerikanischen Streitkräfte praktisch unverändert geblieben. Dass die USA eine massive Truppenpräsenz in Gegenden mit geringem Konfliktpotenzial - sprich Europa - beibehalten sollen, ergebe einfach keinen Sinn mehr.

Zugleich warnt der Admiral davor, die Neupositionierung als Vorbereitung für einen Krieg mit China zu betrachten. «Die Idee eines solchen Konflikts sollte allen Köpfen fernbleiben», sagt er. Ein Krieg um Taiwan sei in niemandes Interesse. Es sei gescheiter, wenn alle Seiten ihre Rhetorik dämpften und nach Wegen zur Konfliktvermeidung suchten, betont er. Auch bei Anhörungen im Kongress hat Fallon kürzlich die von einigen Strategieexperten verfochtene These zurückgewiesen, dass mit dem wirtschaftlichen und militärischen Aufstieg Chinas eine Konfrontation mit den USA quasi unvermeidlich werde.

Aber Fallon räumte ein, dass die rasche Aufrüstung im Reich der Mitte besorgniserregend sei. «Es scheint klar, dass ein Grossteil dieser Aufrüstung darauf ausgerichtet ist, die Fähigkeit zum militärischen Handeln gegenüber Taiwan zu erlangen und unsere Fähigkeit zu einer Gegenreaktion zu hemmen.» Auch der amerikanische Kommandant der Pazifikflotte, Admiral Gary Roughhead, lässt im Gespräch Besorgnis erkennen. Eine Bedrohung setze sich aus zwei Elementen zusammen, doziert er: aus militärischen Fähigkeiten der Gegenseite und deren Absichten. Die Fähigkeiten sehe er, sagt Roughhead, über die wahren Absichten Chinas wisse er jedoch kaum Bescheid.

Absicherung für alle Fälle

Wie Fallon plädiert deshalb auch Roughhead für einen Ausbau der Militärkontakte zwischen den beiden Ländern. Dies soll das Vertrauen und das Verständnis für Denkweisen der Gegenseite fördern. Die Militärkontakte waren nach der Krise wegen der Kollision eines amerikanischen Spionageflugzeugs mit einem chinesischen Abfangjäger vor fünf Jahren praktisch eingefroren worden. Nun strecken die amerikanischen Militärs ihren chinesischen Kollegen wieder die Hand zum Gespräch aus, stossen aber auf viel Misstrauen und bürokratische Schwierigkeiten. Der Argwohn gegenüber China schlägt sich in neueren Grundsatzdokumenten der USA nieder. Die im März veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie knöpfte sich in ungewöhnlich direkter Form das Reich der Mitte vor. Pekings Verhalten schüre Besorgnisse in der Region und in der ganzen Welt, hiess es beispielsweise. China könne nicht auf einem friedlichen Weg bleiben, wenn es alten Verhaltensweisen verhaftet bleibe. Konkret übte das Strategiepapier Kritik an der Intransparenz der militärischen Aufrüstung, aber auch an der merkantilistischen Handelspolitik Pekings. Das Weisse Haus liess ferner erkennen, dass es China zunehmend als Rivalen bei der Versorgung mit Energieträgern betrachtet. Als Fazit hielt das Dokument fest, dass Amerika China zu den «richtigen strategischen Entscheidungen» ermutigen wolle, sich gleichzeitig aber «gegen andere Möglichkeiten» absichere. Damit ist wohl gemeint, dass Washington für eine allfällige Konfrontation gewappnet sein will.

Chinas Aufrüstung im Visier

In ähnlichem Ton betont die erwähnte Vierjahranalyse des Pentagons, dass es die USA auf Zusammenarbeit abgesehen hätten, sich aber für den Fall eines Scheiterns dieses kooperativen Ansatzes absichern müssten. Dies erfordere unter anderem, die Streitkräfte von Verbündeten zu stärken. Ferner hält das Papier fest, dass von allen Ländern China das grösste Potenzial habe, mit den USA in einen militärischen Konkurrenzkampf zu treten. Bereits jetzt drohe seine Aufrüstung das regionale Gleichgewicht zu stören. Was in Washington Aufsehen erregt, sind weniger die chinesischen Militärausgaben in absoluten Zahlen, die im Vergleich mit den amerikanischen immer noch sehr klein sind. Für Irritationen sorgt vielmehr, dass das chinesische Militärbudget viel schneller wächst als die Gesamtwirtschaft, die auch nicht gerade unter geringen Wachstumsraten leidet. Militärexperten verfolgen zum Beispiel mit Sorge, wie China in hohem Tempo eine moderne U-Boot-Flotte aufbaut, dank Käufen aus Russland und der Entwicklung eigener Schiffe. Der pensionierte Vizeadmiral Albert Konetzni, der bis 2004 die amerikanische U-Boot-Flotte im Pazifik kommandierte, hat sich vor Kongresspolitikern alarmiert darüber geäussert. Seiner Ansicht nach will China im Falle eines Krieges um Taiwan den Amerikanern mit seinen U-Booten den Zugang zum Konfliktgebiet erschweren.

Noch weiter geht Andrew Krepinevich, der Direktor des Center for Strategic and Budgetary Assessments. Er sieht Indizien dafür, dass China die USA als wichtigste Militärmacht in Ostasien verdrängen wolle. Laut Krepinevich könnte China für die USA zu einer Bedrohung werden wie vor einem Jahrhundert das deutsche Kaiserreich für Grossbritannien. Doch andere Fachleute halten solche Vergleiche für überzogen. Joseph Nye vom Center for Strategic and International Studies, einem weiteren Think-Tank, warnt davor, dass das Gerede von der Unausweichlichkeit eines Konflikts mit China zu einer Self-fulfilling Prophecy werden könnte. Und der frühere Chefanalytiker für Ostasien beim Geheimdienst CIA Robert Sutter argumentiert, dass viele aufgeregte Kommentare über Chinas Aufstieg die starke Stellung Amerikas in der Region unterschätzten und die mannigfachen Schwächen Chinas ausser acht liessen.

Ablenkung durch den Irak?

So oder so wird Washington im Verhältnis zu China auf einer heiklen Gratwanderung bleiben. Politisch sind die beiden Länder in den letzten Jahren erstaunlich geschmeidig miteinander umgegangen, obwohl nicht nur Militärisches, sondern auch Wirtschaftliches wie die chinesischen Exportüberschüsse für Konfliktstoff sorgt. Daran, dass sich die Administration Bush mit der nötigen Energie der Herausforderung Chinas widmet, äussern auf Hawaii einige Stimmen Zweifel. Raymond Burghardt vom East-West Center in Honolulu bedauert die Fixierung der Regierung auf die Region des Mittleren Ostens. Der Irak bedeute eine enorme Ablenkung, meint Burghardt, der früher die amerikanische Quasi- Botschaft in Taiwan geleitet hat. Dabei gehe eines vergessen - der Pazifik sei bereits jetzt die dynamischste und bedeutendste Region der Welt.

 
NZZ am Sonntag  

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