1933? Hobby-Historiker aufgepasst!

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neuester Beitrag: 03.05.05 07:50
eröffnet am: 02.05.05 16:33 von: Happy End Anzahl Beiträge: 6
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02.05.05 16:33
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95441 Postings, 7427 Tage Happy End1933? Hobby-Historiker aufgepasst!

Fünf Millionen Deutsche sind arbeitslos - wackelt jetzt die Bundesrepublik? Ist, ähnlich wie zum Ende der Weimarer Republik, die Demokratie in Gefahr? Das denken nur Hobby-Historiker...

Die Zahl beeindruckt, keine Frage. Fünf Millionen Arbeitslose - das hat es in Deuschland, seit der moderne Begriff von Erwerbstätigkeit eingeführt ist, nur ein einziges Mal gegeben: auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise in den Jahren zwischen 1930 und 1933. Der Subtext, der in der gegenwärtigen Debatte ständig mitschwingt, lautet also: Haben wir nicht längst Weimarer Verhältnisse? Und, darüber hinaus: Sitzt nicht schon wieder die NPD in einem Landesparlament?

Während auf der politischen Ebene wortreich versichert wird, Dresden sei nicht Weimar, bleibt die Gleichsetzung der Arbeitslosen meist unwidersprochen. Dabei gilt auch für den historischen Vergleich mit Weimar, was die Fünf-Millionen-Debatte schon in der Gegenwart so unergiebig macht: Es gibt schlichtweg keine nackte Zahl, die über das wahre Ausmaß von Arbeitslosigkeit wirklich etwas aussagt. Selbst der Vorwurf, alle Regierungen pflegten die Statistik nach Belieben zu "fälschen", trifft die Wahrheit bestenfalls zur Hälfte. Die Arbeitslosenquote bleibt, wie man sie auch dreht und wendet, eine politische Zahl.

So unterschlagen die Hobby-Historiker dieser Tage gerne, dass Deutschland vor 70 Jahren rund 20 Millionen Einwohner weniger zählte als heute. Obendrein gingen weit weniger Frauen einer bezahlten Arbeit nach als heute. Und schließlich waren noch mehr Menschen im ländlich-agrarischen Milieu gebunden. Von der Arbeitslosigkeit betroffen waren also in erster Linie die männlichen Vertreter des städtischen Arbeiter- und Angestelltenmilieus - eine vergleichsweise kleine Gruppe, bei der die Höchstzahl von 6,1 Millionen Arbeitslosen im Februar 1932 katastrophale Auswirkungen hatte. In manchen Städten und Branchen waren zwei Drittel aller Erwerbspersonen ohne Arbeit.

Ohne Arbeit - das bedeutete damals keineswegs Arbeitslosengeld II, sondern Hunger im wörtlichen Sinn. Die Leistungen der Arbeitslosenversicherung, erst 1927 eingeführt, wurden unter dem Eindruck der Krise immer weiter reduziert. Ohnehin wurde die Unterstützung nur ein halbes Jahr lang bezahlt, danach waren die Bedürftigen auf die Armenfürsorge verwiesen. Lange Schlangen vor den Suppenküchen gehörten zum Alltagsbild der deutschen Städte.

Anders als bei der strukturellen Arbeitslosigkeit in der heutigen Wohlstandsgesellschaft handelte es sich bei der Weltwirtschaftskrise eben um eine wirkliche Krise. Während die bundesdeutsche Ökonomie heute - wenn auch auf bescheidenem Niveau - weiter wächst, waren zu Beginn der Dreißigerjahre krasse Rückgänge der Wirtschaftsleistung zu verzeichnen. Die Auslastung der Kapazitäten in der industriellen Produktion betrug auf dem Tiefpunkt der Krise nur noch 45 Prozent, die Wirtschaftsleistung des Deuschen Reichs fiel auf den Stand des Jahres 1904 zurück.

Auch war die berüchtigte Deflationspolitik des Reichskanzlers Heinrich Brüning keineswegs mit den vergeblichen und mittlerweile aufgegebenen Sparversuchen des heutigen Finanzministers Hans Eichel zu vergleichen. Während Eichel selbst mit dem Vorhaben gescheitert ist, auch nur den Anstieg der Bundesausgaben einigermaßen zu begrenzen, setzte Brüning tatsächlich durchgreifende Kürzungen im Etat des Reiches durch. Selbst die scheinbar unantastbaren Bezüge der Beamten reduzierte er kurzerhand um volle 25 Prozent.

Der Beginn der Weltwirtschaftskrise mit dem Börsenkrach von 1929 ereilte die Deutschen eben nicht nach einer jahrzehntelangen Phase des wirtschaftlichen Wohlstands, sondern als neuerlicher Rückschlag in einer schier endlosen Kette von Katastrophen, die durch die kurze Aufschwungphase in der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre nur kurz unterbrochen war. Insbesondere hatte die Hyperinflation 1923 die privaten Sparvermögen aufgezehrt, von denen wenigstens ein Teil der Arbeitslosen während der Krise sonst möglicherweise hätte leben können.

Heute dagegen kann von einer akuten Krise gar keine Rede sein. Die scheinbar so erschreckende Zahl von fünf Millionen Arbeitslosen, durch einen rein statistischen Effekt zustande gekommen, erinnert lediglich an einen Dauerzustand, der in Deutschland seit Jahrzehnten andauert und durch die Wiedervereinigung lediglich verschärft wurde: Zunehmende Rationalisierung und weltweite Arbeitsteilung führen zu einer rückläufigen Nachfrage nach Arbeitskraft, während das Angebot durch die Teilhabe immer weiterer Bevölkerungskreise, insbesondere der Frauen und zuletzt der Ostdeutschen, ständig steigt. Mit Weimarer Verhältnissen aber hat das nichts zu tun.

http://www.taz.de/pt/2005/02/03/a0139.nf/text  

02.05.05 16:45

2421 Postings, 7311 Tage modeste@Happy:

Wenn der Verfasser dieses Textes den Mut hätte, ihn freihändig-stehend einem arbeitswilligen Dauer-Arbeitslosen vorzulesen,

hätte er

1. eine ordentliche Portion Mut
2. eine noch ordentlichere Portion fauler Eier zu erwarten.

Daher beschränkt er sich lieber auf eine Verschriftlichung vom Schreibtisch aus :-)), respektive auf eine Multiplizierung per Internet ;-)

salut
modeste    

02.05.05 16:51

21880 Postings, 7002 Tage utscheck...den Arbeitswilligen Dauer-Arbeitslosen ?

auf welchem Platz willst du das machen, nicht das einer der 5 Mio. den Vortrag verpaßt?

utscheck  

03.05.05 00:47
1

1720 Postings, 6128 Tage Hartz5Wow, ein Verweis auf den deutschen

Geschichtsunterricht und die verwackelten Schwarzweißaufnahmen aus der damaligen Zeit hätten eigentlich gereicht, um den Unterschied von damals zu heute herauszustreichen. Aber der TAZ ist es natürlich einen längeren Artikel wert, um den Beweis anzutreten und ausführlich zu begründen. Da hält man wohl irgendwie die eigenen Leser für ein bißchen blöde.

Sei es drum, denn immerhin hat die TAZ erkannt, daß die Eichelsche Sparpolitik für die Katz war. So haben die deutschen Exportfirmen durchaus den einen oder anderen Euro in der jüngeren Vergangenheit garnicht mal so schlecht laufenden Weltkonjunktur verdient, während diese am Binnenmarkt vorbeilief. Statt nur neuer Schulden, hat man neue Schulden und zusätzliche Arbeitslose produziert. Hätte man alles so belassen wie es war, dann wäre Schröder ein ganzes Stück näher dran gewesen an seinem Wahlversprechen mit der Senkung der Arbeitslosenzahlen.

Sei es auch hier drum, denn wir konnten prima mitverfolgen, wie das Mißverstehen von Zusammenhängen eine Krise zusätzlich verschärft. Wir konnten auch miterleben, wie politische Uneinsichtigkeit die verhängnisvolle Kette weiterer Fehlentscheidungen in Gang setzt und wie man am Ende Schuldige für das eigene Versagen benennt und so gesellschaftliche Feindbilder aufbaut.

Von den Zuständen von 1933 sind wir immer noch ein gutes Stück entfernt, doch wir haben uns ihnen genähert. Die Frage, die man sicher heute schon stellen darf ist die, wann ist in Deutschland die kritsche Masse an Arbeitslosen erreicht, um ähnliche Zustände wie 1933 herbeizuführen. Wie schnell Stimmungen in der Bevölkerung kippen können, wie schnell Splitterparteien zulegen können, wenn sie diese Stimmungen richtig vermarkten und welch hohen Stellenwert nationale Identität gerade in Krisenzeiten immer noch hat, konnten wir gerade wieder erleben. Die Welt mag sich zwar verändert haben, unser Wissen umfangreicher geworden sein, die Menschen "ticken" jedoch wie eh und je.

Die beiden wichtigsten Punkte, die uns vor einer Wirtschaftskrise schützen, verlieren gerade zunehmend an Bedeutung. Da ist zum einen die soziale Absicherung, die ein gewisses Maß an Kaufkraft auf den Binnenmärkten sichert und die Kontrolle und Steuerung der eigenen Finanzmärkte durch die jeweiligen Staaten, die zunehmend globalen (und damit außerhalb der nationalen Kontrolle) Einflüssen unterliegt.

Turbulenzen an den Rohstoffmärkten, der Verfall einer Währung als Ausdruck mangelnden Vertrauens und das Anlegen von Fesseln (z.B. Stabilitätspakt), die eine optimale nationale Finanzpolitik verhindern, gepaart mit einem täglich mehrere zig Milliarden schweren Aufkommens an reinen Spekulationsgeldern auf diesen Gebieten, die zudem noch global bewegt werden, lassen einen da schon nachdenklich stimmen. Zumal es immer schwieriger wird, den Wert einer Währung direkt an der Wirtschaftskraft eines Wirtschaftsraumes zu bemessen, bzw. diesem zuzuordnen.

Wenn zudem die unbeschränkten Wirtschaftsräume weiter wachsen und die Anzahl der nationalen Währungen immer geringer wird, umso größerer werden auch die Kreise, die eine eventuelle Krise zieht. Und diese Gefahr ist präsent, denn die Geschwindigkeit ist enorm, mit der sich dies z.Z. alles abspielt und die Hilflosigkeit der Politik dies wirkungsvoll und zielgerichtet zu steuern nicht mehr zu übersehen. Dies ist auch keinesfalls verwunderlich, denn die freie Marktwirtschaft regelt auch gnadenlos über nationale Grenzen hinweg, gerade dann wenn ihr niemand mehr Einhalt gebieten kann, während unsere Politik und Gesetzgebung weiterhin national geprägt bleiben.

Wir dürfen also sicherlich noch mit so manch negativer "Überraschung" in der nahen Zukunft rechnen und dann könnte 1933 auch ganz schnell wieder vor uns liegen, wenn auch hoffentlich nicht mehr mit den ganz so extremen politischen Auswüchsen.  

03.05.05 01:28

102196 Postings, 7726 Tage Katjuscha@modeste

Also ich hab weniger Geld zur Verfügung als jeder Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger, und komme trotzdem zurecht. Kann mir deshalb nicht vorstellen, das es irgendjemanden heute auch nur annähernd so schlecht geht wie damals. Selbst kinderreiche Familien sollen mir nicht erzählen, das sie bei dem sozialen Sicherungssystem nicht zurechtkommen, auch wenn sie sich sicherlich ohne Einkommen nichts über den normalen Lebenshaltungskosten hinaus leisten können.

Deshalb passt der Artikel durchaus zur Diskussion, und ich wüßte auch nicht, wieso der Verfasser mit Eiern beworfen werden würde. Der Artikel beschreibt nur die Wahrheit, und trifft ja keine Aussage zu den heutigen Arbeitslosen. Sondern es geht um den Vergleich mit der WeimarerRepublik zu möglichen propagandistischen Zwecken. Der Artikel beschreibt sehr korrekt die Absurdität dieses Vergleichs. Nicht mehr und nicht weniger.

 

03.05.05 07:50

2421 Postings, 7311 Tage modeste@katjuscha

Durch die Blume gesagt erhält der Arbeitslose die Botschaft, dass es ja noch alles viel schlimmer kommen könnte

(z.B. durch Sätze wie: "Heute dagegen kann von einer akuten Krise gar keine Rede sein." "Ohne Arbeit - das bedeutete damals keineswegs Arbeitslosengeld II, sondern Hunger im wörtlichen Sinn." "So unterschlagen die Hobby-Historiker dieser Tage gerne, dass Deutschland vor 70 Jahren rund 20 Millionen Einwohner weniger zählte als heute.")

Das hilft ihm wenig, denn er lebt jetzt und ist genauso arbeitslos wie ein Mensch Ende der 1920er Jahre. Für ihn bleibt es eine persönliche Katastrophe.

Deshalb dürfte er für sich kaum akzeptieren können, Bestandteil historischer Vergleiche zu sein mit dem Tenor: "sooo arg schlimm ist es heute nun wieder auch nicht..."

Ich meinte auch gar nicht so sehr die finanzielle Seite der Arbeitslosigkeit. Schlimm dürfte das Gefühl sein, mit seiner Arbeitskraft nicht benötigt zu werden.

Wenn du aktuell mit weniger Geld auskommst, gehe ich mal davon aus, dass du Student bist. Student war ich selber mal, und kann daher aus einger Erfahrung sagen: Schon die qualifizierten Berufsaussichten mit sozialer Akzeptanz und höherem Gehalt etc. machen es gut erträglich, (vorübergehend) mit wenig Geld auszukommen.

salut
modeste  

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